14. Die Hase soll entdeckelt werden (S.48)

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Noch einmal zurück zur „Haseverdeckelung“ (was für ein Wort!). Mitte der 1960er Jahre vorgenommen und wegen der damit erhaltenen Parkplätze freudig begrüßt - und nun soll alles rückgängig gemacht werden! Am 11.1.1996 wurde das bisher als „top secret“ eingestufte Projekt der Öffentlichkeit vorgestellt:

„Schon seit Jahren beschäftigen sich die Nachbarn des Bereiches mit der Idee, den derzeit überdeckten Fluß im Rahmen einer Neugestaltung wieder zu öffnen. (...) Wesentliche Punkte stellen neben der Hase-Öffnung und der Uferverschönerung Aufpflasterungen, Wasserspiele und Begrünungen dar. Lichtdurchflutete Pavillons, Brücke und Terrasse sollen den Bereich zusätzlich optisch aufwerten, wobei die Hase mit Brüstung und Geländer in den Mittelpunkt gerückt werden soll. Selbst von einem künstlichen Wasserfall ist die Rede. Wie ein Teilnehmer der Veranstaltung ergänzte, bleibt die Hase allerdings nicht zuletzt aus Finanzgründen in ihrem Betonbett.“

Abb. 22: Die Hase zwischen Wittekind- und Georgsstraße im Jahre 1957. Damals als „häßlicher Hinterhof“ bezeichnet.
Abb. 23: Dieser „Hinterhof“ im Jahre 1996: Auch nicht viel schöner!

Der neue Erlebnisraum „Öwer de Hase“ sei ein Gewinn für alle Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt und rechtfertige den zielgerichteten Einsatz öffentlicher Mittel. Wenn man beim ersten Hören der „Haseentdeckelung“ freudig gedacht hat, die Hase solle renaturiert werden, so wurde man bald eines Besseren belehrt. Nicht die Hase steht im Mittelpunkt des Interesses, sondern wieder einmal eine Funktionsaufwertung der Innenstadt, genauso wie bei der Verdeckelung in den 1960er Jahren. Inzwischen hat sich das Bewußtsein aber gewandelt. Rein funktionalistische Innenstädte wirken leer und kalt und sind spätestens nach Ladenschluß oder an den Wochenenden wie ausgestorben. Man möchte aber die Innenstädte wieder beleben und erlebnisreicher gestalten. Gerade das Element Wasser bietet sich dazu an, denn es übt -vielleicht heute mehr denn je- eine gewaltige Faszination aus. Deutlich sichtbar wird dies z.B. auf der Neumarktsbrücke, auf der Passanten trotz enormer Geräuschkulisse und Verkehrshektik stehenbleiben und die Hase betrachten, die Enten beobachten und ihren Blick einen Moment lang über den kleinen Naturraum schweifen lassen, ehe sie weitereilen. Auch wenn es in erster Linie nicht um die Hase geht, die aus ihrer Röhre befreit werden soll, letztendlich wird doch ein Stück -allerdings gestylter- Natur zurück in die Innenstadt geholt, um diese attraktiver zu gestalten. „Natur in der Stadt“ ist zwar zu einem Prestigeobjekt geworden, aber es sind auch die Menschen, die diese „Naturräume“ in der Stadt als Gegenpol zur hochtechnologisierten Welt wünschen. Auch wenn es nicht in erster Linie um „Natur per se“, sondern um die Nutzbarkeit eben dieser „Natur“ und die Aufwertung der City geht, lohnenswert ist es allemal, die Hase wieder ans Tageslicht zu führen.

Aus der Hase, nun „entdeckelt“, wird, umgeben von einigen Bäumen, der „Erlebnisraum Öwer de Hase“. Wann mit der Umgestaltung allerdings angefangen werden soll, steht noch nicht fest. Wie man sieht, hat die Hase während der mehr als 1200 Jahre alten Osnabrücker Geschichte gravierende Funktionswandel erfahren: ursprünglich positiv gesehen und genutzt als Lebensmittellieferant, Teil der Stadtbefestigung und Verkehrsmittel, begann man ab der Industriellen Revolution, den Fluß als Kloake zu mißbrauchen und sie als stinkendes Ärgernis zu betrachten. Schließlich, im Zuge der Technologisierung und „Modernisierung“ des Städtewesens, sah man sie nur noch als überflüssig an und verbannte sie unter Asphalt. Nun jedoch hat man erkannt, daß „Naturräume“ in der Stadt überaus wichtig sind für die Lebensqualität der Stadtbevölkerung. Jetzt wird versucht, die Faszination von Wasserflächen, Flußläufen etc. zu nutzen, um das Leben in der Stadt lebenswerter und ereignisreicher zu gestalten. Eines aber hat man während der vergangenen 150 Jahre in Osnabrück gelernt: Zu rigide Eingriffe in den Naturraum Hase wirken sich irgendwann einmal negativ auf das direkte Leben aus. Das „Kind mußte erst in den Brunnen fallen“, ehe man versuchte, Abhilfe gegen die größten Übel zu schaffen. Trotzdem muß festgehalten werden, daß die Katastrophenmeldungen über die Hase während der vergangenen 20 Jahre abgenommen haben, und daß weite Teile der Bevölkerung dahingehend sensibilisiert wurden, etwas bewußter mit ihrer Umwelt umzugehen.

Abb. 24: Und so soll es einmal aussehen: Aus der Hase, nun „entdeckelt“, wird, umgeben von einigen Bäumen, der Erlebnisraum „Öwer de Hase“. Wann mit der Umgestaltung allerdings angefangen werden soll, steht noch nicht fest

Wer sich ein bißchen mehr mit der Umweltsituation in Osnabrück beschäftigen möchte, dem sei das Buch: „Stadtentwicklung im gesellschaftlichen Konfliktfeld -Naturgeschichte von Osnabrück“ (herausgegeben von Gerhard Becker, Pfaffenweiler 1991) ans Herz gelegt. Es ist im Buchhandel, aber auch im Projekt NUSO (c/o Universität Osnabrück, s. Verlagsprogramm) erhältlich. Besonders hinweisen möchte ich auf den Aufsatz von Günter Terhalle „Haseverschmutzung ohne Ende“ in dem genannten Buch. (s. Inhaltsverzeichnis)


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