13. Die Hase in der letzten 30 Jahren - geht es ihr nun besser (S.38)

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Abb. 16: Die Hase vor 150 Jahren: Im Hintergrund sieht man den Turm der Katharinenkirche.Und wo sich damals die Schwäne tummelten …

Was hat sich in Bezug auf die Hase während der letzten 30 Jahre, also seit der Haseverdeckelung, getan? Auffällig ist, daß die Meldungen über Haseverschmutzungen in der NOZ stark abgenommen haben. Nun könnte man ja vermuten, daß einfach weniger darüber berichtet wird. Wenn man sich einzelne Artikel aber ansieht, fällt auf, daß bereits über geringere visuell wahrnehmbare Verschmutzungen berichtet wird.

So war es z. B. auch erwähnenswert, daß „mehrere Karpfen verendeten“, weil vier Stunden lang ungeklärte Abwässer an der Neuen Mühle in die Hase liefen. Zu diesem Zeitpunkt wurde die Qualität des Hasewassers als „gut“ bezeichnet.

Abb. 17: … tummeln sich heute Autos, Fußgänger und Geschäftshäuser. Blick auf die Strasse „Öwer de Hase“, ca. der gleiche Standpunkt wie Abb. 16

Entscheidend für den Zustand der Hase war, daß sie in den 1970er Jahren weniger durch Giftstoffe, sondern durch organische Schmutzstoffe, die den Sauerstoffgehalt sinken ließen, belastet war. Baden in der Hase, die im Stadtgebiet die Güteklasse 3 aufwies , wurde nicht empfohlen. In diesen Zeitungsartikeln wird verdeutlicht, daß die Öffentlichkeit mehr und mehr sensibilisiert wurde, nicht nur die Bürger, sondern auch die politischen Entscheidungsgremien bis hin zum Bundestag. Erste Interessengruppen formierten sich, um etwas für die Hase zu tun, zum Beispiel die Niedersächsisch-Westfälische Anglervereinigung (der es natürlich auf saubere Flüsse ankam!). Nach einem großen Fischsterben in der Hase schreibt die NOZ:

„Die mehrjährigen Bemühungen der NWA, die Hase im Stadtgebiet wieder zu einem für die gesamte Bevölkerung interessanten und gesunden Gewässer zu machen, sind weitgehend gescheitert.“

„Wir haben in der Innenstadt noch Tausende von Quadratmetern ungenutzten Grund und Bodens. Es sind die großen Flächen, die über dem Flußbett der Hase liegen. Meines Erachtens eignet sich das Stück zwischen der Detmarstraße und der Neuen Mühle ganz besonders gut für den Bau eines Parkhauses. Die Hase hat an einer Stelle die Breite von 50 Metern! (...) Den meisten Bürgern unserer Stadt ist es unbekannt, daß es sich bei dem Grund und Boden, über den die Hase fließt, um einen ‘herrenlosen Grundbesitz’ handelt. Errichtet man das Parkhochhaus im Luftraum über dem Flußbett, braucht man keinen Pfennig für den Bauplatz zu zahlen. Unsere Hase -ideell betrachtet- ist im Bereich der Innenstadt tatsächlich nichts wert. Mit den mittelalterlichen Schlagwörtern wie ‘Landschafts- und Naturschutz, Blickwinkel für Maler usw. ist uns in der Innenstadt jetzt nicht mehr gedient.“ (NOZ, 16.7.1969)

Im Unterschied zu den früheren Jahren der Haseverschmutzung nahm die Polizei nun sofort die Ermittlungen auf, Wasserproben wurden entnommen und analysiert, um den tatsächlichen Schaden (und möglichst auch den Verursacher) feststellen zu können.

Noch einmal zum Thema „Haseverdeckelung“. Der Leserbrief spricht eine sehr deutliche Sprache! Warum nicht gleich die ganze innerstädtische Hase zubetonieren? Billigeren Bauplatz kann es gar nicht geben ...

Auch, wenn sich das Bevölkerungsbewußtsein zunehmend sensibilisierte, Dreck und Müll wurde bei den regelmäßigen Säuberungsaktionen des Unterhaltungsverbandes Obere Hase immer im Fluß gefunden. Und immer berichtete die NOZ darüber. Daß ein in den Fluß geworfenes, verrostetes Fahrrad nicht gerade schön aussieht, leuchtet ein, aber unter Wasserverschmutzung ist eigentlich mehr gemeint. Gefährlich sind die Stoffe, die man eben nicht sehen oder riechen kann. Diese Erkenntnis wuchs nur langsam. Nicht nur die Quantität der Artikel über die Hase veränderte sich, auch die Qualität.

Immer wieder angesprochenes Thema seit den 1970er Jahren war der „Ölalarm“ auf der Hase. Die auf dem Wasser schwimmenden Ölschichten, um die Jahrhundertwende ein gängiges Bild, ließen sofort die Feuerwehr anrücken, die Ölsperren auslegten. Vom August 1975 bis Februar 1976 allein 12 mal an der Neuen Mühle.

Das Jahr 1976 wurde vom Europarat zum Jahr der Feuchtgebiete erklärt. Der Naturwissenschaftliche Verein Osnabrück hatte bereits im Vorfeld dieser Themenstellung eine besondere Arbeit gestartet: die erste wissenschaftliche Zustandsbestimmung eines fließenden Gewässers in der Bundesrepublik -für die Hase. Als Gründe der Haseverschmutzung werden genannt:

Abwässer der Schwerindustrie (obwohl diese geklärt werden), organische Verschmutzungen und eingespülter Kunstdünger, Reste von Insektiziden, ausgelaufene Silosäfte etc.

Die Studie schreibt auch:

„Sieben der ehemals achtundzwanzig Fischarten der Hase sind inzwischen ‘ausgestorben oder verschollen’, dazu gehören Lachs und Stör, Elritze, Neunauge, Barbe. Die noch vorhandenen Arten können als ‘gefährdete Restbestände’ wahrscheinlich nicht mehr lange überleben, von Ausnahmen abgesehen. Aale kommen in der Hase lediglich deswegen noch häufig vor, weil sie regelmäßig ausgesetzt werden.“

Noch immer waren Teile des Stadtgebietes, wie z. B. das Widukindland oder der Strothmannsweg, nicht an die städtische Kanalisation angeschlossen. Außerdem gab es noch 115 km Mischwasserkanäle in der Stadt, aus denen bei starken Regenfällen die Schmutzwassermassen in die Hase liefen.

Die jahrzehntelang als Sündenbock abgestempelte Papierfabrik in Gretesch verfügte zu diesem Zeitpunkt über eine „vorzügliche“ Reinigung ihrer Abwässer. Im Jahre 1978 schreibt die NOZ sehr ironisch:

„Wer etwas auf seine Umwelt hält, verschandelt sie, so gut es geht.“

Aufhänger war wieder einmal „normaler“ Müll, der sich vor der Pernickelmühle in der Hase angesammelt hatte und zum öffentlichen Ärgernis wurde.

Mit dem Titel „Bußgeld reinigt keine Flüsse - Neues Abwasserabgabengesetz ändert nichts am Dilemma der Hase“ widmete die NOZ am 28.3.1981 eine ganze Seite dem Problemkind Hase. Dieser Artikel schildert Haltung von Politik, Wirtschaft und Bevölkerung so ausgezeichnet, daß er hier fast komplett wiedergegeben werden soll. Zu Beginn eine kleine Geschichte:

Abb. 18: Immer wieder starben die Fische in der Hase, wie hier im Osnabrücker Tageblatt vom 17.05.1960 dokumentiert

„Ein Mann steht am Fluß und möchte sein Leben beschließen. Da kommt ein anderer und gibt ihm den herzlichen Tip: „Ach, springen Sie doch in den Rhein bitte nicht hinein!“ Ein viel besseres Rezept hat er parat, todsicher: „Wissen Sie was? Trinken Sie einfach davon ein Glas!“

Der Hamburger Läster-Liedermacher Hans Scheibner hat das jedenfalls so gedichtet. Auch Elbe, Neckar und Weser nimmt der ketzerische Hanseat auf Korn. Und, um die Ausmaße der (un)heimlichen (Um)Weltsünden zu verdeutlichen, läßt der Sänger in der letzten Strophe den Fluß zu Wort kommen: „Ich warne dich vor diesem Schritt, die ganze Menschheit kommt bald mit!“

Die Hase - Deutschlands erster Fluß, für den eine Zustandsbestimmung erforscht wurde. Wer erinnert sich nicht daran: Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre erschreckten die Meldungen über die Flußfischerei in Deutschland. Es wurde davor gewarnt, Fische, besonders Aale, aus der Elbe oder dem Rhein zu verzehren. Sie galten als zu kontaminiert! Auch die Hase vor nunmehr 16 Jahren galt da nicht als Ausnahme. Die NOZ-Reportage berichtet:

„Zur Bekämpfung der Verschmutzung kommen nach Ansicht der Verwaltung in Betracht: Anschluß aller Siedlungsgebiete an das Kanalnetz, Vervollständigung und Sanierung des Kanalnetzes, vollständige Durchführung des Trennsystems, Bau von Regenwasserkläranlagen, Verschärfung von Einleitungsbedingungen und verstärkte Kontrollen der öffentlichen und privaten Abwässereinrichtungen.“ (NOZ, 29.9.1977)

''„Einstweilen bemüht sich diese Menschheit nach Kräften, ihre Entsorgungsprobleme den fließenden Gewässern zu überantworten. Und da muß auch ein Fluß wie die Hase ihren Teil der (Schmutz-)Fracht übernehmen. Wichtigster Nutzungsbereich ist zweifelsohne die Abwasserleitung als die Vorflutfunktion des Gewässers. (...) Die Hase ist in erster Linie Vorfluter, an eine natürliche Nutzung wie Viehtränkung oder Trinkwasserversorgung ist schon gar nicht zu denken.“''

(Dr. Horst Neumann, ehemaliger Leiter der Osnabrücker Außenstelle des Niedersächsischen Wasseruntersuchungsamtes.)

1976: Der Europarat erklärt das Jahr der Feuchtgebiete.

"Das Dilemma: Sie ist ein kleiner Vorfluter für eine relativ große Stadt. (...) Selbst, wenn die Auflagen eingehalten werden, stößt man oft an die Grenze der Belastbarkeit.“ (Dr. Joachim Rost, jetziger Leiter des o. g. Amtes.)

Dafür sieht der Experte eine Vielzahl von Faktoren. Wenn die sich addieren und der Wasserstand ohnehin niedrig ist, „dann kann es knapp werden“, befindet der Hydrologe.

Knapp wurde es vor einem Jahr: Ende Mai beobachteten Angler von Eversburg haseabwärts Schwärme von toten Fischen. Der Verursacher war schnell gefunden: Auf dem Werksgelände der Papierfabrik Kämmerer hatte es eine technische Panne gegeben, acht bis zehn Kubikmeter einer giftigen Lösung waren beim Abfüllen eines Tanklastzuges ausgelaufen und in die Hase gelangt.

Der Papierfabrikant bedauerte den „Unglücksfall“ und erstattete der Niedersächsisch-Westfälischen Anglervereinigung (NWA) großzügig das Doppelte des ermittelten Schadens. Schon damals argwöhnten die Grünen, die Angler sollten wohl zu künftigen Fischsterben schweigen, und bevor der Zwischenfall vergessen war, kam es - knapp vier Wochen später - zum nächsten Knall: Wieder trieben tote Fische auf der Hase, diesmal war der Schaden aber weitaus größer, statt 4.000 DM einige Zehntausende. Wasserproben wiesen aus, daß der Sauerstoffanteil im Fluß beängstigende Niedrigwerte erreicht hatte. Wie es zur Überstrapazierung des Hasewassers gekommen war, konnten Polizei und Staatsanwaltschaft nicht eindeutig klären. Umweltschützer, die wiederum den Papierhersteller Kämmerer in Verdacht hatten, wurden zurückgewiesen. Neue technische Vorkehrungen hätten eine Wiederholung des Mai-Unfalls ausgeschlossen.

Abb. 19: Häufig an der Hase zu sehen: Schaumbildung

Inzwischen war von der Firma im Hafengebiet ein neues Statement zu bekommen: „Höchstwahrscheinlich kam auch das zweite Fischsterben von uns“, gab Karl Wauer, bei Kämmerer für Sicherheit und Gewässerschutz zuständiger Ingenieur, jetzt auf Anfrage zu. Es gebe da „eine Menge Knopflöcher“ (Regen- oder Kühlwasserabläufe meinte er damit), über die möglicherweise giftige Substanzen in die Hase gelangt seien. Für die nächsten Jahre kün¬digte der Sicherheits-Ingenieur eine Vergrößerung der werkseigenen Kläranlage an. Und obgleich die Auflagen in der Vergangenheit hin und wieder überschritten worden seien - „wir bemühen uns nach Kräften, daß das nicht wieder vorkommt“, versprach Wauer.

Das hoffen auch die Angler. Sie sind nicht davon überzeugt, daß die Schäden mit einem beliebig häufigen Aussetzen junger Fische behoben werden können, weil mit jedem Störfall auch die Brut und Mikroorganismen (z.B. Bachflohkrebse) gefährdet sind. Wenn auch solches Leben stirbt, wird schnell die Nahrungskette unterbrochen, das Gewässer „kippt um“.

(Es folgt eine lange Berichterstattung über die Nette, der es ebenso schlecht ging und die Information, warum ausreichender Sauerstoffgehalt für ein Gewässer äußerst notwendig ist bzw. die Erläuterung der Folgen von Sauerstoffmangel).

Abb. 20: Der Nette-Düker im Hafen. Regelmäßige Reinigung ist vonnöten!

In einem anderen Industriebetrieb ist die Umstellung des Klärwerkes bereits erfolgt: Seit einem Jahr verfügt Schoeller in Gretesch über eine Anlage mit drei Nachklärbecken. „Wenn es Störfälle gibt, fangen wir das Wasser auf und pumpen es wieder zurück“, wurde auf Anfrage mitgeteilt. Das Wasser, das über den Belmer Bach der Hase zugeführt wird, sei klar und sauber: „Verschmutzungen, das ist soviel wie nichts“ erklärte ein Mitarbeiter der Firma. Dennoch fließt zuweilen eine trübe Brühe mit grauen Flocken durch das Bachbett parallel zur Mindener Straße. Das kann man sogar vom Auto aus sehen.

Die größte Schmutzfracht für die Hase liefert aber nicht die Industrie, sondern der Bürger. 2.800 Kubikmeter (gereinigtes) Abwasser entläßt die Osnabrücker Kläranlage stündlich in den 174 Kilometer langen Ems-Nebenfluß. In Trockenzeiten führt die Hase die gleiche Menge an Flüssigkeit, so daß das Mischungsverhältnis eins zu eins beträgt. Böse Zungen behaupten sogar, daß die Kläranlage das sauberere Wasser zur „Fusion“ beisteuert. Kritischer steht es da schon mit der städtischen Kanalisation: Noch immer gelangt nach starken Regenfällen Mischwasser (Regen- und Abwasser) in die Hase. Was da die Überläufe passiert, ist zwar stark verdünnt - aber eben nicht geklärt. Trotz in der Vergangenheit erfolgter Millioneninvestition muß noch vielerorts auf getrennte Kanäle umgestellt werden. Bußgeld reinigt keine Flüsse und Seen! (...)

Die Bezirksregierung Weser-Ems kündigte indessen an, den Fluß und seine Nebenläufe im Bereich Osna¬brück künftig an sechs Gütemeßstellen kontinuierlich überprüfen zu lassen. Der Landkreis wurde in diesem Zusammenhang gebeten, in Fällen kritischer Belastung auch außerhalb seines Zuständigkeitsbereichs Kontrollmaßnahmen einzuleiten, weil er gleichzeitig als „Ober- und Unterlieger“ der Stadt Osnabrück fungiert.

Anlaufschwierigkeiten blockieren auch das neue Abwasserabgabengesetz, das seit dem 1. Januar in Kraft ist. Im Bundesland Niedersachsen sind nämlich die erforderli¬chen Durchführungsbestimmungen noch nicht erlassen worden. Erst in den nächsten Wochen werden diese unabdingbaren Ergänzungen erwartet, ohne die das Gesetz praktisch wertlos ist.

Künftig muß jeder, der gefährliche Substanzen in Gewässer einleitet (unabhängig ob Kommune oder Industriebetrieb), Abgabesätze für die festgelegte Schadstoffeinheit entrichten. Gegenwärtig sind die Tarife so niedrig, daß es die Einleiter überhaupt nicht „juckt“, die Abgabe zu zahlen. Das meint jedenfalls Dr. Rainer Ehrnsberger vom Naturwissenschaftlichen Museum in Osnabrück:

''„Die Gebühren werden einfach an den Verbraucher abgegeben, und es wird einfach weiter eingeleitet.“ Der Präsident der Vereinigung Deutscher Gewässerschutz, Benno Weimann aus Essen, sieht das genauso: „Bußgeld reinigt keine Flüsse und Seen!“''

Was ist das Besondere an diesem Artikel: zum einen seine Länge - sachlich und sehr ausführlich werden die Zeitungsleser über Zusammenhänge, Gesetzesvorlagen etc. informiert. Artikel dieser Art halten das Thema „Haseverschmutzung“ zu einen präsent, zum anderen dienen sie der Sensibilisierung. Darüber hinaus wird sehr deutlich, daß die Hase nur eine Lobby hat: nämlich die organisierten Angler. Man erfährt aber auch über erste Umweltorganisationen, sieht, daß Firmen in Zugzwang geraten und ihre Einleitungen nicht mehr verleugnen können und liest, daß Gewässerschutz zur nationalen Aufgabe geworden ist. Bei Zuwiderhandlungen müssen Polizei und Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen aufnehmen. Damit kann der Eindruck erweckt werden, daß das Einleiten von schädlichen Substanzen nun doch kein Kavaliersdelikt mehr ist, wenn auch das neue Abwasserabgabengesetz wegen seiner „laschen“ Bedingungen kritisiert wird.

Drei Kommentare rund um diesen Artikel runden das Bild ab: „Till“ informiert darüber, daß zu einer Zeit, als der „Umweltschutz“ noch nicht geboren worden war, sich die Schwester Theodora Kreuzberg (von der Angela-Schule) bereits 1927 ausgiebig mit der Nette beschäftigte und in ihrer Staatsexamensarbeit alle Pflanzen und Tiere auflistete, die sie dort entdecken konnte.

Der Naturwissenschaftliche Verein bedachte diese Arbeit mit einer späten Würdigung und stellte fest: „Schwester Theodora wäre vermutlich entsetzt, wenn sie ihre Ergebnisse mit den neuen Werten vergliche“. Till „freut sich aber, daß die Schwester schon 1927 das richtige Gespür für die spätere Umweltbedrohung aufgebracht hat.“ Bau einer Regenwasserkläranlage?

Immer wieder: Ölalarm auf der Hase! Ein weiterer Bericht listet einige „Pannen“ der Jahre 1977 bis 1980 auf: Cyanide in der Düte, der Grenzwert wurde um das 130fache überschritten und alles Leben ausgelöscht, Klöckner erstattete den Anglern Schadensersatz; ungeklärte Fäkalien in der Düte; ölhaltige Abwässer in der Nette; zu hoher Ammoniumgehalt in der Nette tötet den gesamten Neubesatz an Fischen ; rotbraune Verfärbung der Hase, Melaminharz in der Hase - auf fünf Kilometer Flußlänge wird alles Leben abgetötet etc.

Zyankali in der Düte, Öle und hoher Ammoniumgehalt in der Nette, rotbraune Verfärbung und Melaminharz in der Hase ... Auch solche Informationen dienen dazu, der Bevölkerung zu zeigen, daß die Osnabrücker Flüsse und Bäche nicht einfach Abwässerkanäle sind, sondern biologische Räume, die durch die Menschen immer und immer wieder zerstört werden. Eine andere Problematik wurde in den 1980er Jahren verschärft wahrgenommen: Jedesmal wenn es heftiger regnete, breitete sich auf der Hase ein Ölfilm aus, und die Feuerwehr mußte anrücken. Der Grund: Das Regenwas¬ser schwemmte von Pkw’ stammendes Öl von den Fahrbahnen in die Kanalisation. Daraufhin begannen Überlegungen für eine Regenbecken¬kläranlage. Die Industrie war zu diesem Zeitpunkt schon weiter: In einigen Osnabrücker Betrieben wird das Öl vom Regenwasser getrennt, bevor dieses in die Kanalisation gelangt.

Mitte der 1980er Jahre ändert sich in der NOZ zum Teil das Vokabular bezüglich umweltrelevanter Themen. Feuerwehrleute, die Ölsperren auf der Hase anlegen, werden zu Umweltschützern, Polizei und Staatsanwaltschaft, die in Fällen von Hasever¬schmutzungen ermitteln, steigen zu Umweltfahndern auf. Daran erkennt man, daß „Umweltschutz“ eine immer größere Lobby erhielt, und die positiven Bezeichnungen spiegeln einerseits die öffentliche Meinung wieder, wirken sich andererseits auf die öffentliche Meinung aus. Gutes Beispiel dafür ist, daß die Stadt seit Ende der 1980er Jahre einen Umweltausschuß unterhält und einen jährlichen Umweltpreis ausschreibt.

Der Wertewandel, den die Hase erfuhr, kann auch daran gesehen werden, daß sich vermehrt Gruppen, speziell Schulklassen und Jugendgruppen, für diesen Fluß interessierten. Ausstellungen über die Hase im Haus der Jugend , ganze Schulprojekte wie das der Gesamtschule Schinkel im Jahr 1993, aber auch einzelne Exkursionen zeigen, daß man in Osnabrück die Hase nicht mehr nur als (stinkendes und verdrecktes) Übel sieht, sondern daß die Hase an sich wieder eine Daseinsberechtigung erhalten hat - und daß man noch sehr viel dafür tun muß, um sie gesunden zu lassen. Eine Klasse des Institutes für berufliche Aus- und Weiterbildung („Die Schule“) erhielt im Jahr 1994 den Umweltpreis der Stadt Osnabrück für ihre Lang¬zeitstudie über die Hase. An vier Meßstellen entlang der Hase wurden über Monate hinweg Gesamthärte, Trübungsgrad, Keimzahl, Sauerstoffanteil, Planktonzahl, ph-Wert, Ammonium-, Nitrat-, Nitrit- und Phosphorgehalt gemessen.

Die Belastung der Hase ist dieser Studie zufolge, vor allem auf landwirtschaftliche Einflüsse zurückzuführen. Ende der 1980er Jahre und zu Beginn der 1990er Jahre machte die Presse auf eine andere Problematik aufmerksam: Die im Boden schlummernden Altlasten von kontaminierten Betriebsgeländen oder ehemaligen Müllkippen gefährden nicht nur das Grundwasser, sondern auch die Flüsse. So wurde beispielsweise in Voxtrup in einem zur Hase fließenden Grundwasserstrom Phenol entdeckt, ebenfalls überhöhte Zinkwerte, die aus der ehemaligen Müllkippe zwischen Wellmannsweg und Düstruper Heide stammen. Am 20. November 1993 berichtete die NOZ über das Problem von Altlasten im Boden, die Grund- und Hasewasser vergiften können.

Abb. 21: Mitarbeiter des Unterhaltungsverbandes Obere Hase reinigen die Hase vom Wohlstandsmüll (untern links heben sie ein Kettcar aus dem Fluß)

Mit der Übernahme eines alten Mineralölbetriebes durch die Firma elf-Mineralöl hat diese auch die teure Aufgabe der Altlastensanierung übernommen. Drei Sanierungsbrunnen auf dem Gelände sollen so lange das Grundwasser klären, bis die zulässigen Werte dauernd unterschritten und das Wasser in die Hase geleitet werden kann.

Zum Thema Haseverschmutzung zwei aktuelle Meldungen aus dem Sommer 1996: Im Juni dieses Jahres verendete Hunderte von Fischen auf der Hase, Verursacher war wahrscheinlich die Fa. Karmann. Ein als harmlos eingestufter Wasserrohrbruch der Hauptfeuerlöschleitung hatte zur Folge, daß das Wasser Schadstoffe aus dem Boden einer Anlage, in der seit Jahren erfolgreich eben diese Schadstoffe gefiltert werden, ausgewaschen und in die Hase gespült wurden.

„Ein Paradebeispiel für die Zählebigkeit von Umweltsünden aus vergangenen Zeiten bietet das jetzt anlaufende Umweltmanagement auf dem Gelände der elf-Mineralölwerke Osnabrück an der Neu¬landstraße. Seit über 70 Jahren werden an diesem Standort Mineralöle und chemische Produkte verarbeitet. (...) Nach wie vor gelangten aus dem 18.000 Quadrat¬meter großen Firmengelände Aromate, Mineralöle und chlorierte Kohlenwasserstoffe in das Grundwasser, das von Süd nach Nord unter dem Grundstück hindurchströmt.“ (NOZ, 20.11.1993)

Und eine ganz andere Meldung, die im Gegensatz zur vorherigen richtig rührend anmutet: Till weist die Ladenbesitzer der Innenstadt darauf hin, daß man Wischwasser nicht in die Gosse kippen dürfe, es gelange nicht ins Klärwerk, sondern seifig in die Hase: Auch im Sommer 1996 verendeten die Fische in der Hase

„Till hat Verständnis für diese Haltung (denn so bleiben die frisch gewienerten Waschbecken sauber), kann aber trotzdem nur dringend darum bitten, den Arbeitsablauf anders zu gestalten: Fische und Gewässer würden sich freuen. Bis Montag.“

Man sieht, daß sich im letzten Jahrzehnt einiges getan hat: Die Hase ist kein stinkendes Ärgernis mehr, Umweltverschmutzungen werden nach Möglichkeit geahndet und gelten weder als unabdingbares und nicht zu änderndes Übel der modernen Welt noch als Kavaliersdelikte. Hat die Hase damit auch ihre ursprüngliche -positive- Funktion zurückerhalten? Nur bedingt, wie das folgende zeigen wird: (s. nächstes Kapitel)


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