8. Dem Übel auf der Spur (S. 26)

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Diese Mißstände, die offensichtlich die Lebensqualität vieler Osnabrücker beeinträchtigten, führten zu einer weiteren Sensibilisierung der Öffentlichkeit. Bakteriologische und chemische Untersuchungen im Jahre 1909 ergaben, daß die Verschmutzung der Hase im Bereich der Neuen Mühle „außerordentlich hochgradig ist“, und daß die Selbstreinigungskraft des Flusses nicht mehr funktionierte. Als Ursache wird angegeben, daß das eigentlich klare und reine Hasewasser durch verschiedene Schmutzwasserzuflüsse aus Gretesch, Schinkel und dem Stadtgebiet immer trüber werde.

Zwei Jahre später unternahm die hydrologische Abteilung der Landwirtschaftlichen Versuchsstation Münster genauere Wasseranalysen. Bis dahin hatte man angenommen, vor allem die Papiermühle in Gretesch sei Schuld am massiven Fischsterben, denn die Hase zeigte oft Verfärbungen bei der Einleitung der Papiermühlenabwässer, und die Kiemen der Fische waren mit Zellulosefasern verklebt. Diese Art der Verschmutzung war deutlich mit dem Auge erkennbar und wurde deshalb als Ursache für den desolaten Zustand der Hase angesehen. Das nun erstellte Gutachten brachte aber etwas anderes zutage: die Zellulosefasern galten nur in zweiter Linie als Ursache des Fischsterbens. An erster Stelle stehe viel¬mehr die allgemeine Verunreinigung des Wassers.

„Die vielen Fäulnisstoffe im Hasewasser haben durch ihren Zersetzungsprozeß einen Sauerstoffmangel bewirkt und dadurch die Fische dem Erstickungstode nahe gebracht, sie derartig geschwächt, daß sie nicht mehr kräftig genug waren, die in die Kiemen eingedrungenen Zellulosefasern wieder auszustoßen.“ (OT, 5.8.1911)

Der Untersuchungsbericht beschreibt weiter, daß man Wasser untersucht habe, in dem eine Menge toter Fische trieben, dort aber keine Zellulosefasern gefunden habe. Folglich waren die Fische auch nicht an den Abwässern der Papierfabrik gestorben. Es seien also andere Giftstoffe dafür verantwortlich gewesen; gesunden Fischen würden die Zellulosefasern nicht schaden, weil sie sie problemlos wieder ausstoßen könnten.

Solche und ähnliche sachlichen Artikel gaben den Lesern tiefergreifende Informationen, deckten Zusammenhänge auf und verhalfen zur Erkenntnis, daß „Schmutz“ mehr war, als man mit Auge und Nase wahrnehmen konnte.

Aber nach wie vor behandelte man die Hase wie eine Kloake. Nahezu verzweifeltironisch liest sich der Einleitungssatz eines Artikels über die Haseverschmutzung:

„Die Hase ist trotz der Veröffentlichungen der letzten Zeit auch neuerdings wieder den schlimmsten Verunreinigungen ausgesetzt, ganze Fetzen einer undefinierbaren Masse, die aber an irgend einer Stelle in gewaltigen Mengen Zutritt nach der Hase hin haben muß (...) um sich an seichteren Stellen abzusetzen.“

Als ob man mit Veröffentlichungen allein die Situation würde entschärfen können ...


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