7. Sehr unappetitlich: Die Hasebadeanstalten (S. 25)

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Sehr deutlich wurde auch den Nicht-Haseanliegern der Zustand der Hase vor Augen geführt, wenn sie in der Hase baden wollten. Im letzten Jahrhundert wurden fest eingerichtete Badeanstalten als Orte der Freizeit, der Gesundheitsförderung und der Hygiene eröffnet. Dabei sind mit „Badeanstalt“ sowohl die Schwimmstätten an den Stadtflüssen als auch die Häuser mit Wannenbädern gemeint, in denen man sich für eine geringe Gebühr in (z. T.) warmen Wasser reinigen konnte. Zu einer Zeit, in der die Osnabrücker Häuser kaum mit Badezimmern ausgestattet waren, eine mehr als nur sinnvolle Einrichtung. Ein solches Badehaus stand z.B. an der Neuen Mühle. Es bestand aus drei Badezimmern, deren Becken von Hasewasser durchflossen wurde. Baden durften dort nur Frauen. Ein zweites Damenbad wurde 1866 eröffnet.

Die Osnabrücker Anzeigen berichten: Die Badeanstalt am Schützenhof: ein übelriechendes Sumpfloch!

„Die Baulichkeiten für das Frauenbad in der Hase sind dem Vernehmen nach nun so weit vollendet, daß bei guter Witterung dasselbe am 20. Juni eröffnet werden kann. Die Theilnahme des Publikums an diesem Unternehmen ist in letzter Zeit eine erfreuliche gewesen, so daß die Aktien bis auf einige untergebracht werden konnten. Wegen schon vorgerückter Saison sollen, wie man uns sagt die Badekarten für dieses Jahr zu ermäßigten Preisen abgegeben werden. Ueber die Einrichtung können wir mitteilen, daß zehn Einzelzellen, zwei große Schwimmbassins und zwei Duschen in Türmen angebracht sind. Da außerdem das Bad an einer Stelle angebracht ist, wo die Hase reines fließendes Wasser darbietet, die Lage eine völlig abgeschiedene ist und für erfahrene Badewärterinnen gesorgt wird, so können wir den Damen die neue Anstalt bestens empfehlen."

Aus den Berichten der zeitgenössischen Tagespresse geht hervor, daß alle Osnabrücker Flußbadeanstalten in der zweiten Hälfte des 19. Jh. stark frequentiert wurden. Die Badeanstalt am Herrenteichswall war im Sommer 1875 derart überfüllt, daß man zum Schwimmen Schlange stehen mußte. Außerdem wurden die vorhanden Badeanstalten ständig erweitert. Auch das Wannenbad an der Neuen Mühle erhielt eine Flußbadestelle.

Wegen des starken Bevölkerungsanstieges vor allem im Schinkel wurde hinter dem Stahlwerk eine neue Flußbadeanstalt errichtet. Eine weitere Frauenbadeanstalt befand sich an der Klus. Diese Badeanstalt mußte aber im Zuge des Straßenausbaus Hamburger Straße bald wieder geschlossen werden.

Aber diese Flußbadeanstalten brachten auch viele Probleme mit sich. So versandete die Badeanstalt im Schinkel häufig, aber wesentlich schlimmer war die vom Schinkel, der Papierfabrik in Gretesch und dem Stahlwerk ausgehende Wasserverschmutzung.

So berichtet die OVZ 1903, daß sich die Badeanstalt am Schützenhof in ein „übelriechendes Sumpfloch“ verwandelt habe und verlegt werden müsse. Vor allem die Abwässer der Mittelburg verunreinig¬ten das Wasser stark. Ein Jahr später wurde das Bad geschlossen, weil die Zustände unhaltbar waren. Dafür wurde die alte Badestelle an der Klus wieder hergerichtet, zwei Jahre später wegen der Hasever¬schmutzung aber endgültig geschlossen.

Wenn man sich die bisher aufgeführten Zeitungsartikel aus jenen Jahren durchliest, dann wundert man sich, daß überhaupt noch jemand in der Hase baden mochte. Völlig unverständlich ist eine Zuschrift an das Osnabrücker Tageblatt vom 7.5.1909, in der behauptet wird, man könne den Schmutz in der Hase mit einem Gitter einfach herausfiltern.

„ ... Von mehreren Sachverständigen vorgenommene bakteriologische Untersuchungen haben ergeben, daß das Wasser für Badezwecke dem Körper unschädlich ist, nur die auf der Oberfläche des Wassers schwimmenden Unratsstoffe verderben dem Badenden die Lust, seine so überaus gesunde Leibesübung zu pflegen. Lege man doch eine Strecke vor der Badeanstalt eine mit geringen Kosten zu erstrebende Filteranlage, geneigt zur Stromrichtung an und führe seitwärts durch eine etwa 2 Meter breite Abgrenzung solche anschwimmenden Unratstoffe ab; denn ist die Oberfläche des Wassers sauber, und bis zur Vollendung des großen Sammelkanals ist das Bad mit Lust zu gebrauchen ...“ (Leserbrief, OT, 7.5.1909)

Dieser Leserbrief wurde in einer Zeit geschrieben, in der kaum ein Monat verging, in dem nicht von massivem Fischsterben oder anderen Verschmutzungen und Verfärbungen in der Hase in den Tageszeitungen berichtet wurde. Nach wie vor galt als Verunreinigung das, was man sehen konnte. Blieb nur noch die Haseflußbadestelle an der Neuen Mühle. Aber 1909 wurde auch dieses Bad geschlossen. Nun gab es in Osnabrück keine einzige Badeanstalt mehr.

Aus gesundheitlichen Gründen wurde schließlich von der Polizeidirektion jegliches Baden in der Hase verboten. Eine neue Flußbadeanstalt an der Nette (wo heute das Nettebad ist) war erst im Bau. Auch das Badehaus an der Neuen Mühle konnte nicht mehr mit Hasewasser gespeist werden, und durfte daher (kostenlos) Wasser aus dem städtischen Trinkwassernetz entnehmen.

1911 begann man mit der Planung für eine Flußbadeanstalt an der Wellmannsbrücke , wobei der Haseverlauf nicht verändert werden sollte. Die Bemühungen zahlreicher Bürger, daß das Baden im Stichkanal erlaubt werden solle, waren vergeblich. Die provisorische Badestelle an der Wellmanns¬brücke wurde schließlich 1927 durch die jetzt noch bestehende, mit Hasewasser gespeiste, Badeanstalt ersetzt.


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