4. Scheinbar das größte Übel: Die Schwäne auf der Hase sterben (S.16)

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Die Klagen über die Hasever­schmutzungen nahmen ständig zu. Bis weit in die 1920er Jahre beziehen sich mehr als zwei Drittel der Pressemittei­lungen über die Hase genau auf dieses Thema. Und die Osnabrücker nah­men diese Problematik durchaus wahr, wenn auch durch eine uns heute seltsam anmutende verzerrte Brille:

Weniger die Haseverschmut­zung an sich war Grund der Kritik (obwohl sich die Meinungen darüber auch häuften), sondern die Auswir­kungen auf - die Schwäne auf der Hase! Schwäne galten seit Urzeiten als Sinnbild für Schönheit und Reinheit.

Majestätische Schwäne als Inbegriff der Idylle auf der Hase mußten ein­fach überleben können - angesichts der Haseverschmutzung jahrzehnte­lang unmöglich.

Abb. 8: So lieben die Osnabrücker ihre Hase: idyllisch, beschaulich und Lebensraum für majestätische Schwäne. Leider war die Hase über viele Jahre zu sehr verdreckt, als dass die Schwäne dort überleben konnten

Das Naturverständnis bzw. die Na­turwahrnehmung dieser Zeit unter­scheidet sich von den heutigen Vor­stellungen.

Unter „Natur“ verstand man in der Regel Schönheit und Idylle; Flußverschmutzungen waren ärgerlich, weil Badeanstalten geschlos­sen werden mußten, die Hase im Sommer bei niedrigem Wasserstand erbärmlich stank, weil die Fischzucht aufgegeben werden mußte, das ver­dreckte Wasser bei Überschwemmun­gen Wiesen verdarb und immer wie­der die Schwäne elendig zugrunde gingen. Einige wenige Ansätze von Naturschutz sind aber auch bereits im letzten Jahrhundert zu finden:

So wurde beispielsweise schon 1875 in Osnabrück ein Tierschutzverein ge­gründet, dessen vordringlichste Auf­gabe der Schutz der Singvögel war. 1876 wurden auf der innerstädtischen Hase Enten und fünf Schwäne ausge­setzt, und im Frühjahr darauf auf bestimmten Haseabschnitten das Bootfahren verboten, um die brüten­den Wasservögel nicht aufzuscheu­chen.

Leider war die Hase über viele Jahre zu sehr verdreckt, als daß die Schwäne dort überleben konnten Diese Maßnahme mutet fast an heutige Vogelschutzzonen an, galt aber vordergründig, im Stadtbild eine „Idylle der Natur“ mit ihrer Schönheit (und den herrlichen) Schwänen auf­zubauen.

In den folgenden Jahren wurde in den Zeitungen immer wie­der darauf hingewiesen, daß die Schwäne brü­ten, daß Küken ge­schlüpft sind etc. Die Tagespresse widmete sich denn auch immer wie­der der Thematik „die Schwäne auf der Hase. Die Osnabrücker Volkszeitung for­dert daher, auch aus gesundheitlichen Gründen, man müsse endlich „...ganz energisch einschreiten.“

Einen Tag später vermeldet das Osnabrücker Tageblatt zur gleichen Thematik, daß das Stahl­werk Urheber der aktuellen Ver­schmutzung sei und ferner:

„Die Verunreinigung der Hase durch übelriechende Abfälle in großen Mas­sen findet noch fortwährend statt, so daß der Fluß in seiner ganzen Breite damit überzogen ist. Die Schwäne und Enten, welche sich auf der Hase befin­den, sind von dieser schmierigen Masse überzogen. ...“ (OVZ, 13.12.1887)

„Leider dürfte nicht allein eine Unzahl von Fischen infolge des Einfließens jener, alles organische Leben vernichtenden giftigen Flüssigkeit in die Hase getötet sein, auch das zahlreich die Hase bevölkernde und belebende Geflügel hat darunter recht erheblich zu leiden. Auf stundenweite Ausdehnung, bis Bramsche und weiter herab werden die sämmtlichen sog. Krickenten getödtet sein; die Schwäne werden, wie wir erfahren, schwerlich am Leben bleiben.“

Betrübt wird zwei Tage später fest­gestellt, daß einer der Schwäne veren­dete. Daß die restlichen fünf (vorerst) überlebten, verdankten sie der gründ­lichen Reinigung durch Mitglieder des Vereins für Geflügel- und Singvögel­zucht und der anschließenden Ausset­zung auf einem Gretescher Teich, wo sie Zeit zum Erholen finden sollten. Leider mußte das Osnabrücker Tage­blatt wenige Tage später den Tod der Tiere vermelden.

Daß bei diesem Unfall im Stahl­werk Petroleum in die Hase lief und tausende Fische verenden ließ, wurde in der Zeitung erwähnt und lapidar vor dem Verzehr der Fische gewarnt. Als aber wenige Tage später alle Schwäne von der Hase verendet wa­ren, war das Geschrei groß. Aber man wollte recht bald neue Schwäne auf der Hase aussetzen ... Und freudig wurden vier Jahre später die ersten neuen Schwäne in der Stadt begrüßt — die leider nur zwei Jahre auf der Hase überlebten.

Das Schwanensterben ging weiter und wurde rührend von der Tages­presse dokumentiert.

„Sämmtliche Schwäne von der Hase sind todt.“ (OT, 20.12.1887)

Es ist erstaunlich: Man sieht die Tiere sterben, man ahnt, woran es liegen könnte, aber an die Ursachen geht man noch nicht heran. Statt dessen wird ersichtlich, daß das Bild der verdreckten Hase zum Alltagsle­ben in Osnabrück gehört und daß die nächste akute Hasevergiftung bereits einkalkuliert ist. Betroffenheit wird bereits erkennbar, aber gleichzeitig scheint es schon fast „normal“ zu sein, daß es in der innerstädtischen Hase kein Leben mehr gibt.

Freizeitaktivitä­ten auf der Hase wurden verboten, um die brütenden Schwäne nicht aufzuscheuchen, Abwassereinleitun­gen in die Hase aber waren normal.

Als einige Jahre später endlich wieder Schwäne mit dem Brutgeschäft beginnen wollten, gab man ihnen sofort Nisthilfen. Das Osnabrücker Tageblatt forderte die Bürger auf, die Schwäne in Ruhe zu lassen und er­hoffte sich insbesondere von den Haseanliegern, jede Art von „Schwanenbelästigung“ durch „rohe Burschen oder Knaben“ sofort der Polizei anzuzeigen, damit man ihnen einen Denkzettel verpasse.

Abb. 9: Einst ein beliebtes Freizeitvergnügen: Bootfahren auf der Hase. Zum Schutz der brütenden Wasservögel wurde es zeitweise verboten

Als im darauf folgenden Jahr die Schwäne wieder starben, wurden chemische Untersu­chungen eingeleitet, um die Todesur­sache festzustellen. Die Anwohner der Hase wurden behördlicherseits gebe­ten,

„Abfälle, besonders aber Giftstoffe, nicht in die Hase zu bringen, da sonst in nicht allzuferner Zeit sämtliches Wassergeflügel eingehen wird. Es muß doch eine Freude sein nicht nur für Tierfreunde, sondern für Jeder­mann, den Tieren zuzusehen.“

Im weiteren Artikel wird nicht dar­auf hingewiesen, daß die meisten Giftstoffe in der Hase aus den strom­aufwärts liegenden Fabriken wie dem Stahlwerk oder der Papiermühle in Gretesch oder aus den Einleitungen der Landgemeinde Schinkel stamm­ten. Nein, es wird so getan, als seien die direkten Anwohner der Hase ver­antwortlich für den Zustand des Flus­ses. Ferner wird um Spenden für die Schwänefütterung gebeten!

Im Jahr 1903 wurde empört fest­ge­stellt, daß zwei junge Schwäne plötz­lich verschwunden waren! Eines wurde von einem „jungen Burschen“ gekidnappt(!), woraufhin polizeiliche Ermittlungen aufgenommen wurden.

Auch später spielten die Schwäne bei der öffentlichen Diskussion von offensichtlichen Umweltverschmut­zungen eine Rolle. Noch 1955 wurde die Ankunft wilder Schwäne auf der Hase freudig in der Presse begrüßt.

''„Gestern Morgen ist, wie wir bereits mitteilten, wieder einer der Schwäne auf der Hase verendet. Man muß sich, da dies der zweite Fall innerhalb weni­ger Wochen ist, fragen, welches der Grund ist. Beob­achtet man das Wasser der Hase, so findet man, daß es von Zeit zu Zeit sonderbar genug aussieht. Gestern lag eine ölige Schicht auf der Fläche, die viel Schmutz enthielt, Fabrikationsrückstände, wie ange­nommen werden kann. Was das Was­ser sonst noch enthält, entzieht sich der oberflächlichen Prüfung; sehr wahrschein­lich befinden sich darin noch andere giftige Bestandteile. Der verendete Schwan war von dem öligen Schmutz ganz überzogen. Mit dem Schnabel sucht sich der Schwan davon zu befreien, vergiftet sich aber durch diese Arbeit. Wie weit der sonstige Inhalt des Wassers mit dazu beiträgt, den Tod der Tiere herbeizuführen, ergiebt vielleicht die Untersuchung des Wassers bei Feststel­lung einer dem­nächstigen Verunreinigung, die nach den bisherigen Beobachtungen zwei­fel­los wiederkehren wird. Die Verun­rei­nigungen sind wohl auch der Grund, daß die Hase von der Neuen Mühle ab selten ein Lebewesen ent­hält“'' (OT, 7.3.1893)

Das Bewußtsein von der stark zu­nehmenden Haseverschmutzung artikulierte sich ab der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts in Formen, die der heuti-gen ökologisch ausgerichteten Pro-blemsicht eigenartig vordergründig anmuten.

Nicht der Zustand der Hase an sich schien besorgniserregend zu sein, sondern das Schicksal der Schwäne. Man mag dies als Vorfor­men eines Umweltbewußtseins in einem Teil der Bevölkerung ansehen. Aber vorerst galt die Sorge nicht dem Fluß an sich, sondern den Schwänen. Gleichzeitig erfährt man durch die Presse aber auch, daß die Hase von vielen Osnabrückern als bequemer Tierfriedhof - sogar für ausgewachsene Schweine - benutzt wurde, worüber sich die Haseanlieger verständlicher­weise aufregten und beschwerten.


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