Ernährungsbildung - allgemein

Kaum etwas ist so politisch wie unsere tägliche Ernährung,

findet der Philosoph Harald Lemke - und fordert eine Revolution bei Tisch. Eine genussvolle allerdings (Auszüge aus Geo, 03/2015: Warum haben Sie unser Essen satt? Herr Lemke?):

GEO: Ihre These lautet: Unsere EsskUitur braucht eine "gastrosophische Revolution". Bevor wir zur Revolution kommen - was ist denn Gastrosophie?

Lemke: Das ist die Lehre von der Weisheit des Essens. Als Gastrosoph möchte ich Sie mit einem philosophischen Gefühl dafür ausstatten, dass Ihr Essen keine Privatangelegenheit ist, sondern ein politischer Akt.

[...]

GEO: Das klingt, als müsste ich dazu Vegetaner sein.

Lemke: Viele Probleme entstehen aus unserer fantasiearmen Fleischküche: das Leid der Tiere in den Fleischfabriken, die Zerstörung der Regenwälder für den Anbau von Futterpflanzen, die prekären Arbeitsbedingungen in Schlachthöfen, die Skandale in der Fleischindustrie, die Gesundheitsschäden, die wir uns durch zu viel Wurst- und Fleischkonsum zufügen.

Geo: Also müssen wir alle Veganer werden, wenn wir reinen Gewissens auf Erden wandeln wollen?

Lemke: Die Veganer sind mir oft zu dogmatisch, zu lustfeindlich. Gastrosophie verbindet Politik mit Genuss. Entscheidend ist nicht moralischer Rigorismus, sondern die Verbindung von Ästhetik und Ethik, das sinnlich-sittliche Zusammenspiel von gutem Geschmack und gutem Gewissen.

[...]

Geo: Wie soll sie gelingen, die Revolution unserer Esskultur?

Lemke: Mit kulinarischer Neugier! Gastrosophische Forschungsfragen wären etwa: Was wird aus Knollensellerie, wenn man ihn vakuumiert oder bei Niedrigtemperatur gart? Was müssen wir mit Hirtentäschel und Giersch anstellen, um die Welt zu verändern? Wer mit Artischocke oder Süßdolde umzugehen weiß, braucht keine Kalbsknochen, um Kraft in einen Fond zu bekommen.

Geo: Verstehen wir richtig: Fleischessen ist eine schlechte Angewohnheit, die wir uns abgewöhnen sollen, wie das Rauchen?

Lemke: Was ist schon Fleisch? Eine kulinarische Konstruktion. Wir brauchen, um diese Lust beim Essen zu erfahren, kein Tier zu töten. Zumal wenn die Menschheit dadurch ein planetares Problem verursacht Aber das Wunderbare ist: Wir können etwa von den Weisheiten der alt-asiatischen Küche lernen ...

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Geo: Woher rührt der ausgeprägte Fleischhunger unserer Kultur?

Lemke: Je dicker das Steak~ desto wichtiger der Esser - das ist die Tradition, in der wirstehen. Uns wurde eingeredet, dass Fleischkonsum bedeutsam ist, weil er einst ein aristokratisches Privileg war. Das Rindersteak ist Relikt einer Herrschaftssymbolik.

Geo: Wie viel Tier können wir denn guten Gewissens essen?

Lemke: Deutsche essen 6o Kilogramm Fleisch pro Jahr. Das jedenfalls ist kein vernünftiges Maß. Wir können Tiere durchaus als Nahrungsergänzung nutzen. Ihre Haltung ist aber nur auf Flächen sinnvoll, wo entweder kein Nutzpflanzenanbau möglich ist oder Tierhaltung zur Landschaftsgestaltung dient. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird dann ein vernünftiges Maß bei weniger als einer Fleischration pro Woche liegen.

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Geo: Das Kilo Hühnerbrust vom Ökohof für 25 Euro als Gaumenfreudederwohlhabenden Schichten-sozial geht anders.

Lemke: Halt! Die Ausgaben für Lebensmittel sinken in reichen Ländern seit Jahrzehnten. Nie wurde so wenig Geld fiir eine der wertvollsten Quellen unserer Lebensqualität ausgegeben. Die meisten zahlen lieber mehr für Motoröl als für das Salatöl, das sie sich selbst einverleiben. Je billiger das Essen, desto mehr Geld für anderen Konsum- das ist unser Wertesystem.

Geo: Dass Menschen sich über erschwingliche Lebenslnittel freuen können, ist doch keine geringe Errungenschaft.

Lemke: Billigware ist doch nur billig, weil sie nicht die ökologischen und sozialen Kosten spiegelt. Die sind ausgelagert, auf die Wasserrechnung oder die Krankenkassenbeiträge, die werden dem Steuerzahler oder künftigen Generationen aufgebürdet.

[...]

Geo: Welche Rolle spielt dabei der einzelne Konsument?

Lemke: Wir entscheiden. Die Käuferklasse ist sehr mächtig; Wir sind viele, und wir bestimmen über Erfolg oder Misserfolg von Produkten, Firmen, ganzen Branchen. Die Macht unserer Kaufentscheidungen ist wirksamer, als wählen zu gehen. Im Supermarkt stimmen alle kaufkräftigen Bürger über politische Angelegenheiten ab. So entscheiden wir, welche Wirtschaft wir wollen.

Geo: Wo kommt das Produkt her, ist es gesund, was sagen die Artenschützer? Können Sie verstehen, dass wir bisweilen überfordert sind von der ethisch korrekten Nahrungssuche?

Lemke: Dass ich im Supermarkt die ganze Last der Informationsbeschaffung aufgebürdet bekomme: unhaltbar! Ich wünsche mir, dass ich im Regal nur korrekte Produkte finde. Dass ich bloß noch darüber nachdenken muss, was mir schmeckt. Qualitätskontrollen müssen ausgebaut werden. Da sehe ich den Gesetzgeber in der Pflicht. Für alles andere können wir selbst sorgen.

Geo: Kaum vier Prozent der Deutschen sind Vegetarier. Kann es sein, dass Ihrer Idee etwas Wunschdenken innewohnt?

Lemke: Nein! Wenn man sieht, wie in wenigen Jahrzehnten jene gesellschaftlichen Kräfte herangewachsen sind, denen die Zukunft eines ethisch guten Essens nicht als Utopie erscheint, wie sich eine blühende Alternativkultur entwickelt hat: Da tut sich viel!

Geo: Welche gesellschaftlichen Kräfte meinen Sie?

Lemke: Etwa die Slow-Food-Bewegung, Öko, Bio, Fairtrade. Oder Selbsternte-Angebote, Biokisten, Mitkochzentralen, solidarische Landwirtschaft, Urban Gardening. Getragen von Menschen, die sich der gastrosophischen Revolution verpflichtet fühlen.

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