Nachhaltige Umweltbildung als ‚glokale’ und interkulturelle Herausforderung – Erfahrungen am Baikal und in Ulan-Ude in Ostsibirien (2004)

Gerhard Becker

Dieser Text wird in russischer Übersetzung in einem russischen Umweltmagazin 2004 zusammen mit anderen Beiträgen aus dem GRAN-Projekt veröffentlicht.

Während meines 16tägigen Aufenthaltes in Ulan-Ude und Umgebung sowie am Baikalsee bei der internationalen Eco-Week machte ich vor allem zwei Erfahrungen, auf die ich mich bei meinem folgenden kurzen Bericht und Kommentar beschränken möchte. Es geht um die lokale /globale (=glokal) und (inter)kulturelle Dimensionen, die für eine moderne nachhaltige Umweltbildung sehr wichtig sind, aber noch zu selten praktiziert werden.

In der ersten Woche erfuhr ich in Gesprächen und Diskussionen - u.a. während zweier Seminare in der Universität Ulan-Ude und in Onochoi - anhand konkreter Beispiele aus Buryatien, wie erfolgreich Umweltbildung sein kann, wenn sie sich handlungsorientiert auf lokale oder regionale Themen und Probleme bezieht. Dies hat mich auch deshalb gefreut, weil ich selbst in Osnabrück theoretisch und praktisch einen solchen umweltpädagogischen Ansatz verfolge. Wenn ich sage, dass ich in Buryatien erfolgreiche Umweltprojekte kennen gelernt habe, dann hat dies eine doppelte Bedeutung: pädagogisch und gesellschaftlich. Pädagogisch für die Lernenden, z.B. die Schülerinnen und Schüler, aber auch die sehr engagierten Lehrerinnen und Lehrer in den Schulen des GRAN-Projektes „Erlebnisorientierte Umweltbildung und Internet“. Sie alle haben bei diesen großartigen Projekten sehr viel Handlungswissen erworben, das in der modernen erziehungswissenschaftlichen Diskussion weltweit als sehr wichtig angesehen wird. Vor dem Hintergrund meiner Erfahrungen in Osnabrück bzw. Deutschland war ich positiv sehr überrascht, dass unter den sehr viel schwierigeren materiellen Bedingungen so gute Projekte realisiert werden konnten. Andererseits waren einige umweltpädagogische Projekte im allgemeineren gesellschaftlichen Sinne erfolgreich: Sie haben in dem jeweiligen Ort bzw. Stadt eine positive Veränderung im Umweltbereich herbeigeführt! Beispiele

Ich habe den Eindruck gewonnen, dass diese von GRAN unterstützten und z.T. auch initiierten Projekte in ihrer Gesamtheit sogar allgemeine gesellschaftliche oder politische Wirkungen in Buryatien haben. Natürlich wäre dies ohne die engagierte und geschickte zivilgesellschaftlich ausgerichtete Arbeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von GRAN kaum denkbar. Die Wirkung von GRAN scheint mir höher zu sein als die vergleichbarer NGOs in Deutschland – soweit man einen solchen Vergleich überhaupt machen kann.

Bemerkenswert fand ich auch die ausgeprägte kulturelle Orientierung in vielen Umweltprojekten: Bei der Berücksichtigung regionaler buryatischer Kultur und Tradition geht es nicht um rückwärts gerichtetem Provinzialismus, sondern offenbar primär zukunftsorientiert um die Möglichkeit eines Beitrages für eine nachhaltige Kultur und Gesellschaft. Diese Art entspricht meinem Verständnis auch den Zielsetzungen, die von der UNESCO weltweit vertreten werden.

Diese offene Art die kulturelle Dimension einer nachhaltigen Umweltbildung zu entfalten ist gleichzeitig eine wichtige Voraussetzung für eine internationale und interkulturelle Ausrichtung. Diese ist für die Lösung der globalen Probleme einer nachhaltigen Entwicklung letztlich von entscheidender Bedeutung. Durch meine zweijährige Kooperation mit GRAN, die nur mit Hilfe des Internets über die große räumliche Entfernung möglich war, kannte ich ja schon die internationale Ausrichtung von GRAN. Es war und ist jedoch etwas ganz anderes Internationalität und Interkulturalität vor Ort zu erfahren.. Vor allem unter diesem Aspekt war für mich die Eco-week am Ufer des wunderschönen Baikal der mit Abstand eindruckvollste Aspekt meiner ganzen Reise nach Buryatien. Dies meine ich sowohl im Sinne meines persönlichen Erlebens, als auch im konzeptionellen Sinne. Ich habe den Eindruck, dass die zweifellos wichtige interkulturelle Dimension weltweit ein Defizit der Umweltbildung darstellt - freilich ist sie auch eine schwierige Herausforderung. Die Eco-week zeigte nicht nur, dass Interkulturalität möglich ist, sondern dass sie sehr erfolgreich sein kann: Bei den jugendlichen Teilnehmern, aber auch bei den Erwachsenen aus verschiedenen Ländern wurde die Kommunikation untereinander und die ‚Atmosphäre’ jeden Tag besser, es wurde sogar neue Freundschaften geschlossen. Es zeigte sich dabei, dass selbst das Problem der sprachlichen Verständigung immer geringer wurde. Dazu trug natürlich die sehr intensive gemeinsame Arbeit an inhaltlichen Themen bei den Exkursionen in einer sehr schönen Landschaft am Baikal bei, die Spiele und Wettkämpfe, das gemeinsame Essen sowie die intensive Nähe in den beiden Häusern in Maximika. Der Erfolg der Eco-week, der durch diese Mischung von Aktivitäten ermöglicht wurde, kam auch in den zahlreichen Präsentationen zum Ausdruck, und die nicht nur mittel Multimedia-Technologien, sondern auch in anderen sehr vielfältigen Formen präsentiert wurden. Ich war deshalb ziemlich begeistert. Höhepunkt war natürlich das sehr vielfältige und allen Teilnehmern sehr viel Spaß bereitende Programm des letzten Abends am Baikal. Allerdings machte der Abend auch traurig, weil er gleichzeitig der Abschied war. Nicht verschweigen darf man selbstverständlich, dass der große Erfolg nur durch die perfekte und kreative Vorbereitung des sehr engagierten und sehr freundlichen Teams von GRAN und die finanzielle Unterstützung durch die GTZ möglich war.

Insgesamt kann man von einem erfolgreichen ‚glokalen’ Projekt sprechen, wobei das künstliche Wort ‚glokal’, das von dem englischen Soziologen Roland Robertson stammt, die Verknüpfung von lokalem und globalen Lernen meint, die überall stattfinden sollte, also auch in Ulan-Ude oder auch in Osnabrück. Es ist jedenfalls zu hoffen und dafür zu arbeiten, dass der begonnene international-interkulturelle Austausch seine Fortsetzung findet: Zum einem bei den Projekten, die von den jugendlichen Teilnehmern am Ende der Eco-week gemeinsam entwickelt wurden, zum anderen auch bei gemeinsamen Aktivitäten der beteiligten und weiterer Wissenschaftler und Pädagogen. Zum Beispiel habe ich in den zwei Wochen meiner Anwesenheit in Buryatien viele interessante Kontakte gehabt. Für den Austausch bietet sich in beiden Fällen natürlich das Internet an, dessen gute und unverzichtbare Möglichkeiten in Zukunft noch erheblich ausgebaut werden sollten. Die Eco-Week 2004 zeigte jedoch, dass auch ein multimediales Internet, die direkte persönliche Begegnung und das direkte Erleben anderer Länder nicht ganz ersetzen kann und soll. Obwohl ein umweltpädagogischer Tourismus der Begegnung auch seine ökologischen und ökonomischen Grenzen hat, wünsche ich – wie die meisten anderen Teilnehmer, dass es in angemessener Zeit zu einem weiteren Treffen in der Eco-Week II kommt, vielleicht auch in veränderter Zusammensetzung.

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