Ute Vergin: Wohnen und Leben in der Stadt Osnabrück, Osnabrück 1996

Dokumente Materialien zur Osnabrücker Stadtökologie, Bd. 5

Vorwort

Gerhard Becker

Herr K. und die Natur

Befragt über sein Verhältnis zur Natur, sagt K.: »Ich würde gern mitunter aus dem Haus tretend ein paar Bäume sehen. Besonders da sie durch ihr der Tages- und Jahreszeit entsprechendes Aussehen einen so besonderen Grad von Realität erreichen. Auch verwirrt es uns in den Städten mit der Zeit, immer nur Gebrauchsgegenstände zu sehen, Häuser und Bahnen, die unbewohnt leer, unbenutzt sinnlos wären. Unsere eigentümliche Gesellschaftsordnung läßt uns ja auch die Menschen zu solchen Ge­brauchsgegenständen zählen, und da haben Bäume wenigstens für mich, der ich kein Schreiner bin, etwas beruhigend Selbständiges, von mir Absehendes, und ich hoffe sogar, sie haben selbst für die Schreiner einiges an sich, was nicht verwertet werden kann.« - »Warum fahren Sie, wenn Sie Bäume sehen wollen, nicht einfach manchmal ins Freie?« fragte man ihn. Herr Keuner antwortete erstaunt: »Ich habe gesagt, ich möchte sie sehen aus dem Hause tretend.« (Herr K. sagte auch: »Es ist nötig für uns, von der Natur einen sparsamen Gebrauch zu machen. Ohne Arbeit in der Natur weilend, gerät man leicht in einen krankhaften Zustand, etwas wie Fieber befällt einen. «) [aus: B. Brecht, Geschichten von Herrn Keuner]

Für Lehrerinnen und Lehrer in Osnabrück, die die Alltagserfahrungen und -realitäten ihrer Schüler und Schülerinnen im Unterricht thematisieren wollen, gibt es kaum einen Inhaltsbereich, der in einem sehr wörtlich verstandenen Sinne naheliegender ist oder es zumindest zu sein scheint (s. u.) als „Leben und Wohnen in Osnabrück“. Dieser Themen­bereich umfaßt im Hinblick auf die hier interessierende Ökologie, Umwelt und Natur eine solche Fülle von relevanten Phänomenen und Problemen sowie Teilthemen und -aspekten (vgl. die Auflistung von Sachbereichen in der anschließenden Einführung in den Materia­lienband von Ute Vergin), daß sowohl die Schwierigkeit der Auswahl besteht, als auch die einer notwendigen, sachlichen und didaktisch-methodischen Komplexitätsreduktion. Schon an dieser Stelle sei gesagt, daß man einen schülerorientierten Alltagsbezugs mit Sicherheit verfehlen wird, wenn man rein systematisch und/oder fachbezogen an das Thema herangeht! Im Kern und in der Perspektive geht es uns mit dem Thema um Fra­gen der gegenwärtigen und zukünftigen Lebensweise und Lebensqualität in Städten, die in verschiedenen städtischen Alltagsbereichen in sehr differenzierten Formen zum Aus­druck kommt: Freizeit, Wohnen, Ernährung, Verkehr, Arbeiten, Bildung ... (s.u.)

Ein Blick in die „Empfehlungen zur Umweltbildung in allgemeinbildenden Schulen“ (Global denken — lokal handeln) des Nds. Kultusministeriums zeigt, daß ein alltags- und schülerorientierter Unterricht in allen Schulstufen gewünscht ist, besondere Berührungs­punkte gibt es zu den dort näher beschriebenen Themenbereichen „Freizeit und Konsum“ (S.32/33), „Siedlung und Verkehr“ (S.34/35), aber auch „Produktion und Handel“ (S.30/31) — der letzte Themenbereich reicht natürlich auch in den berufsbildenden Be­reich hinein. Zur allgemeinen Legitimation eines Unterrichts, der sich konkret mit Leben und Wohnen in Osnabrück beschäftigt, kann man sagen, daß er zur bildungspolitisch und pädagogisch-didaktisch aktuellen und zukunftsorientierten „Öffnung“ der jeweiligen Schule beiträgt. Einige Probleme bei der konkreten Umsetzung fangen schon damit an, daß Alltags­themen jeglicher Art quer zur dominierender Fächerorientierung des Schulwesens und den gültigen Richtlinien sowie zur Ausbildung der LehrerInnen liegen. Freilich gibt es da zwischen den verschiedenen Schularten große Unterschiede, man denke nur an die Grundschulen einerseits und die Gymnasien andererseits. Auch zwischen den genannten „Empfehlungen“ und den Rahmenrichtlinien in ihrer noch gültigen Fassung, gibt es deut­liche Widersprüche. Man kann nur hoffen, daß sich die pädagogische und bildungspoliti­sche Diskussion in den geplanten und zum Teil in Arbeit befindlichen Neufassungen nie­derschlägt. Letztlich entscheidend ist jedoch das persönliche Selbstverständnis der LehrerInnen. Wir gehen davon aus, daß die LeserInnen dieser Materialien — unabhängig von ihrer speziellen fachlichen Zuständigkeit — eine solche fächerübergreifende bzw. fachunabhängige Alltagsorientierung im Grundsatz wollen bzw. bereits mehr oder weniger praktizieren. Wir liefern hier lediglich Materialien und bieten eine themengleiche Fortbil­dung sowie darüber hinausgehende inhaltliche Unterstützung an.

Für NUSO, das mit seiner Arbeit solchen auf die Stadt Osnabrück bezogenen problem- und alltagsbezogenen Unterricht über interessierte Lehrer(innen) unterstützt, stellte sich auch bei diesem Materialienband wieder die Frage, welche Inhalte und Aspekte des um­fassenden Themenfeldes ausgewählt werden sollen und was wir (d.h. zur Zeit allein Ute Vergin, s.u.) in einer dieses Mal sehr kurzen Zeitspanne inhaltlich bearbeiten können. Wir haben uns aus folgenden, z.T. pragmatischen Gründen für einen weit ausholenden, histo­rischen Schwerpunkt entschieden: Städtische Umweltgeschichte ist seit 8 Jahren begrün­deter Schwerpunkt von NUSO, aber auch der aktuellen Förderung durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt; da historische Recherchen sehr aufwendig sind, bringen histori­sche Materialien den größten Vorteil für den Nutzer, etwa im Vergleich zu relativ leich­ter zu besorgenden aktuellen Informationen und Materialien; schließlich ist die Autorin dieses Bandes von ihrer Ausbildung her Historikerin.

Diese Schwerpunktsetzung soll jedoch nicht bedeuten, daß man die vorliegenden Mate­rialien nur für historisch ausgerichtete Unterrichtsprojekte oder gar nur im Geschichts­unterricht verwenden kann oder soll. Allerdings sind wir der Auffassung, daß historische Aspekte wesentlich zur Wahrnehmungssensibilisierung, zum Verständnis der Umwelt­situation der Städte, der unterschiedlichen und sich wandelnden Lebenssituation ihrer BürgerInnen und zur Gewinnung von Zukunftsperspektiven beitragen können, ja dazu unverzichtbar sind. Dies gilt auch und zunächst für die sich weiterbildenden Leh­rer(innen), wie gesagt unabhängig von den jeweiligen fachlichen Voraussetzungen.

Da Ute Vergin selbst in den vorliegenden Materialienband einführt und die von ihr alle selbst verfaßten Kapitel vorstellt, möchte ich auf einen Beitrag von mir am Ende dieser Broschüre hinweisen, der grundlegende Probleme der Zielsetzungen und Bedingungen von städtischer Umweltbildung thematisiert: „Städtische Umweltbildung zwischen urbaner Lebensqualität, umweltverträglichem Verhalten und Nachhaltigkeit“. Im Mittelpunkt stehen vor allem folgende Problemkreise:

Wie kommt es, daß das Umweltbewußtsein auf lokaler Ebene hinter dem allgemeinen Umweltbewußtsein steht? (Rolle der Medien, Verdrängung)

Zwischen Umweltwissen und Umweltverhalten gibt es keinen Zusammenhang! (Ergebnis empir. Untersuchungen)

Weder das umweltgerechte Verhalten noch der ökologische Lebensstil können Ziel von Umweltbildung sein!

Wie läßt sich pädagogisch die urbane Lebensweise mit der Notwendigkeit einer nach­haltigen Entwicklung vermitteln?

Die eher theoretisch ausgerichteten Überlegungen sollen in ihren nur vorläufigen Formu­lierungen und 12 Thesen, die sicherlich einige Überraschungen enthalten, zum Nachden­ken über das eigene Selbstverständnis und eigene „Glaubenssätze“ als Umweltpädagoge anregen und einige allgemein gehaltene Orientierungpunkte („Pluralität“ und „Vielfalt“) für den konkreten didaktischen Umgang mit dem lokalen Thema „Leben und Wohnen“ bieten.

Schließen möchte ich das Vorwort mit einer Darstellung des aktuellen Standes unseres Projektes „Natur und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO) und seinen weite­ren Perspektiven: Inhaltlich haben wir uns in den letzten 17 Monaten intensiv mit 5 The­menbereichen beschäftigt und führen nun dazu die 6. Lehrerfortbildungsveranstaltung in dieser Serie durch. Dies kam in der Herausgabe dieser Materialienreihe, zu der vorher folgende Bände erschienen sind, zum Ausdruck, die im NUSO-Büro bestellt werden können.

Bd. 1: „Sch..., Müll, Altlasten und was damit zu tun hat“ (Februar 95) Bd. 2: „Der Schinkel: Frei-/Brachflächen und Stadt(teil)erweiterung“ (Mai 95) Bd. 3: „Wasser - bis zum letzten Tropfen“ (Nov. 95) Bd. 4: Eine Stadt unter Rädern — Verkehr in Osnabrück (Febr. 96)

Verändert hat sich unsere Personalsituation. Mangels finanzieller Mittel können wir im curricularen Bereich derzeit nur eine Mitarbeiterin auf ABM-Basis bezahlen: Ute Vergin hat deshalb die Vorbereitung der anstehenden Fortbildungsveranstaltung und den Mate­rialienband fast ganz allein durchgeführt. Dies wird sich auch bis zum Ende ihres Arbeitsvertrages Ende Nov. 96 nicht ändern, insbesondere für die beiden noch vorgese­henen Fortbildungsveranstaltungen (Wasser/Hase II, Sept. 96; Vernetzung, Nov. 96). Ihr möchte ich an dieser Stelle für ihren außerordentlichen Einsatz sehr danken!

Parallel dazu versuchen wir gemeinsam mit dem Museum am Schölerberg den Aufbau des Städtischen Umweltbildungszentrums voranzutreiben und hoffen bald, eine Anerken­nung durch das Nds. Kultusministerium und endlich eine längerfristigere Absicherung unserer Arbeit zu erreichen, die besonders für die Arbeit mit interessierten Lehrer(inn)en und Schulen wichtig wäre. In diesem Zusammenhang ist das bereits im letzten Material­band angekündigte Kooperationsangebot an die Osnabrücker Schulen von Seiten von NUSO/Verein für Ökologie und Umweltbildung Osnabrück bzw. des Städtischen Um­weltbildungszentrums immer noch aktuell: Nach einem Vorgespräch mit der Deutschen Bundesstiftung Umwelt planen wir, eine mehrjährige Förderung eines größeren Projektes zur lokalen Umweltbildung im Kontext des entstehenden Städtischen Umweltbildungs­zentrums zu beantragen. Aus Sicht von NUSO sollte ein Schwerpunkt die Weiterent­wicklung, Konkretisierung und Praxiserprobung unseres umweltpädagogischen Ansatzes in Osnabrücker Schulen darstellen. Dies kann und soll natürlich nur in enger Kooperation mit interessierten Schulen geschehen. Hier böte sich für Schulen eine große Chance der Entfaltung und externen Unterstützung eines eigenen umweltorientierten Reforman­sat­zes, der sich unter dem bildungspolitisch sehr aktuellen und zukunftswei­senden Begriff „Öffnung der Schulen“ auf den jeweiligen Stadtteil oder die Stadt Osnabrück bezieht. Wir werden in diesem Sinne schon in der Phase der Erstellung eines Förderantrages an die in letzter Zeit, vor allem im Rahmen der Lehrerfortbildungsveranstaltungen ent­standenen Kontakte anknüpfen ...

Weiterhin suchen wir dringend engagierte Lehrer(inne)n und Bürger(inne)n, die im Rahmen unseres Vereins für Ökologie und Umweltbildung Osnabrück e.V. mitarbeiten, neben der Unterstützung von NUSO und der Mitarbeit beim Städtischen Umweltbil­dungszentrum gibt es noch andere Arbeitsfelder, z.B. „Päd. Umweltberatung“ für um­weltfreundlichere Schulen, die wir mit Hilfe einer ABM-Stelle aufbauen wollen (voraussichtlich ab 1.6.96) oder auch „Schullandheim Mentrup-Hagen“, wo wir seit Ende 95 für ein Jahr eine pädagogische Arbeitststelle eingerichtet haben, die von einer kleinen Arbeitsgruppe begleitet wird. Schließlich sei an dieser Stelle darauf aufmerksam gemacht, daß die NUSO-Räume sich seit Mitte April in Heger-Tor-Wall 12 befinden, die Telefon- und Faxnummern haben sich nicht geändert (s. Impressum).

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