Gerhard Becker, Vera Lange u.a.: Eine Stadt unter Rädern – Verkehr in Osnabrück, Osnabrück 1996

Dokumente Materialien zur Osnabrücker Stadtökologie, Bd. 4

Vorwort - Einleitung

Gerhard Becker

Verkehr — es gibt kaum einen anderen Bereich, der in seiner modernen, einseitig auf Automobile konzentrierten Form städtisches Leben und damit auch die Umwelt und All­tagswelt von Kindern und Jugendlichen mehr prägt und darüber hinaus eine schwere Belastung darstellt, ja Gesundheit und Leben gefährdet. Insbesondere ist jede Unterricht­stätigkeit davon tangiert, die im Sinne einer Öffnung der Schule und einer Lernort­didaktik sich mit der Umgebung der Schule, mit dem Stadtteil, mit der Region beschäf­tigt — ob sie es will oder nicht!

Etliche Gründe sprechen also dafür, daß sich eine moderne Schule diesem Themen­bereich widmet und zwar in vielfältiger Weise. Hinsichtlich des bloßen Verhaltens im Verkehr und der Verkehrssicherheit ist dies das Thema der schon traditionell zu nennen­den Verkehrserziehung, die eine Pflichtaufgabe der Schule darstellt und die fest institu­tionalisiert ist. Hinsichtlich des Gesamtproblembereichs Verkehr greift. diese Art des schulischen Umgang jedoch zu kurz! Dies haben inzwischen auch die Kultusminister er­kannt, die in ihren jüngsten Empfehlungen (1994) den ökologischen, gesundheitlichen und sozialen Aspekt stärker betonen (vgl. den vollständigen Text des entsprechenden KMK-Beschlusses in Teil I). Auch der nds. Kultusminister will die noch gültigen Rah­menrichtlinien für Verkehrserziehung im Sinne der weitergehenden KMK-Beschlüsse interpretiert wissen. Schließlich enthalten die nds. „Empfehlungen zur Umweltbildung in allgemeinbildenden Schulen (Global denken - lokal handeln)“ als einen von dreizehn vor­geschlagenen Themenbereichen wohl nicht zufällig „Siedlung und Verkehr“ (vollständiger Text in Kap. I). Hier kommt der enge sachliche Zusammenhang zwischen Verkehr und menschlichen Siedlungsformen zum Ausdruck. Freilich wird dieser Zusam­menhang in seiner krisenhaften Ausprägung vor allem im (groß)städtischen Bereich und in Ballungszentren deutlich. Es braucht an dieser Stelle kaum betont zu werden, daß sich das Thema Verkehr, insbe­sondere im Hinblick auf den motorisierten Individualverkehr, zu einem weltweiten Problemfeld entwickelt hat, das im politischen Raum heftig diskutiert wird. Auch wenn diese globale Dimensionen in unseren bewußt lokal ausgerichteten Materialien nur eine geringe Rolle spielen, kommt Schule letztlich nicht daran vorbei. Unserer Auffassung nach gewinnt die globale Thematisierung auf Basis lokaler, handlungsorientierter Beschäftigung mit dem Thema Verkehr eine vertiefte und anschaulichere Bedeutung und eine größere Wirkungschance im Umweltbewußtsein und im praktischen Handeln.

Zum Inhalt der Materialien:

Wie kaum bei einem anderen stadtökologischen Thema führt die historische Betrach­tungsweise die Prägung der Umwelt und der Lebensbedingungen und ihre rasanten Ver­änderungen in den letzten 100-150 Jahren vor Augen. Deshalb enthält dieser Band didaktischer Materialien mehrere historische Beiträge.

Den Reigen eröffnet Günter Terhalle, der sich schon seit Jahren im Rahmen von NUSO immer wieder mit dem Thema Verkehr beschäftigt hatte, mit einer Art Überblick über Gesamtentwicklung des Verkehrs in Osnabrück: Eine Stadt kommt unter die Räder —Verkehrsentwicklung in Osnabrück aus historischer Sicht (Teil B.). Die Aufhebung des Festungsgebotes im Jahre 1843, Ausbau der Ausfallstraßen, Bau zweier Eisenbahn­verbindungen (1855/56), Bau des Osnabrücker Kanalhafens (1915/16) sind die Stich­worte, die für Handels- und Industrieentwicklung zentrale Bedeutung hatten, die jedoch schon bald große innerstädtische Probleme und Widersprüche produzierten. Pferdebahn, dampfgetriebene Tram, elektrische Tram waren die ersten Versuche des innerstädtischen Personennahverkehrs. Nach dem Zweiten Weltkrieg „kam der ungehemmte Ausbau des Straßenverkehrsnetzes zugunsten des motorisierten Individualverkehrs als oberstes Prinzip zum Tragen“ mit dem fatalen Ziel einer „autogerechten Stadt“. Beim Ausbau des Wallrings, der zum langjährigen politischen Konflikt wurde (vgl. Beiträge in unserem NUSO-Buch aus dem Jahre 1991), aber auch bei einigen anderen Straßenbauprojekten wurde dies deutlich. Das allmähliche Umdenken in der Verkehrspolitik schlägt sich auch in dem aktuellen Verkehrsentwicklungsplan (VEP) aus dem Jahre 1992 nieder, der mit seiner Bestands­aufnahme, seiner Analyse und seinen vorgeschlagenen Maßnahmen in Teil C. vorgestellt wird.

Ute Vergin schließt ihren Beitrag mit einer kurzen Übersicht über die wichtigsten ver­kehrsbezogenen Schwerpunkte der öffentlichen Diskussion, soweit sie sich in der lokalen Presse geführt wurde: Von den derzeit ca. 17.000 Zeitungsartikeln, die NUSO als Kopien in seinem Archiv und seiner Datenbank hat, handeln ca. 4.500 (!) vom Thema Verkehr oder berühren dieses zumindest. Auch wird die dominante Stellung Bedeutung des Themas Verkehr für die Stadt deutlich. Die über 30 zusammengestellten Schwerpunkte (von „ADFC“ bis „Wieder eine Straßenbahn in Osnabrück?“) bieten zusammen mit den riesigen Zahl an Artikeln und Bildern eine fast unerschöpfliche Quelle für Unterrichtsprojekte, die sich mit konkreten Themen und ihrer Erkundung vor Ort beschäftigen wollen.

Ein Teil dieser „Verkehrs-Artikel“ wurde gemäß des NUSO-typischen und auch von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt geförderten historisch-ökologischen Schwerpunktes in den Teilen B.- H. verarbeitet. Wie auch bei anderen Themen stehen diese Artikel als NUSO-Dienstleistungsangebot für InteressentInnen gegen einen Unkostenbeitrag zur Verfügung, etwa zur Zusammenstellung von konkretem Unterrichtsmaterial. In einigen Beiträgen wurden zur Illustration Bilder verwendet, deren Wiedergabequalität als bloße Kopien natürlich zu wünschen übrig läßt. Sie dienen hier nur zur Illustration, bei Bedarf können auch hier die Originalbilder eingesehen und ggf. ausgeliehen werden — selbst­verständlich besitzen wir noch einige große Zahl weiterer Bilder. An dieser Stelle sei auch erwähnt, daß bei Bedarf auch einzelne Texte als Dateien zur individuellen Weiter­verarbeitung unter Quellenangabe zur Verfügung gestellt werden können.

Weil der motorisierte Individualverkehr als Hauptproblemverursacher heute zu Recht im Vordergrund der Debatte steht, werden andere Verkehrsträger oft vernachlässigt. Dies gilt insbesondere für die Eisenbahn, die in Osnabrück etliche spannende Besonderheiten und heute meist vergessene Probleme hervorgerufen hat (Konkurrenz der Eisenbahn­gesellschaften, Behinderung des innerstädtischen Verkehrs). Da die Entwicklung der Eisenbahn stark von der überregionalen Entwicklung des Handels und politischen Ver­hältnissen bestimmt wird, wird der Beitrag von Ute Vergin (Teil D) mit einer kurzen Skizze der allgemeinen Situation im 19. Jahrhundert eingeleitet.

Im nächsten Teil E geht es um den starken Ausbau der Straßenfernverkehrsver­bindungen von und nach, durch Osnabrück sowie an Osnabrück vorbei. Günter Terhalle setzt seine Rekonstruktionen nach dem Zweiten Weltkrieg ein und behandelt schwerpunktmäßig die lange Geschichte der Ost-West-Verbindung E8 in ihren verschie­denen Planungsvarianten bis zur endgültigen Realisierung als Autobahnen A30/A33 und Teil eines immer noch in Planung befindlichen, aber sehr umstrittenen „äußeren Umge­hungsringes“ für Osnabrück. Im weiteren spricht der Beitrag das mit dem Entwurf der Ringe eng verbundene Konzept der Ausfallstraßen und „Zubringer“, gigantische Straßen-/Autobahnkreuze („Kleeblätter“), die Zug um Zug realisiert wurden (Panzerstraße, „Hansalinie“, usw.) an.

Mit einer Rätselfrage an den Leser bzw. die Leserin verbunden wurde ein abgedruckter Zeitungsbericht zum Thema Ausfallstraßen (Teil F). Exemplarisch für dieses Thema behandelt Günter Terhalle in Teil G die Iburger Straße, die in den letzten Jahren Thema von hitzigen Debatten und Gegenstand von rückbauenden Umgestaltungsmaßnahmen war. Zunächst ging es um den komplizierten Zusammenhang von Straße, Eisenbahnlinie und kreuzenden Straßenbahnplanungen, später um die ständigen Straßenverbreiterungen dieser Ausfallstraße, schließlich um das schon erwähnte praktische Umdenken in der Verkehrspolitik.

Den in der Osnabrücker Öffentlichkeit wenig beachteten Verkehr zu Wasser widmet sich Vera Lange ausführlich in ihrer Abhandlung über die historische Entstehung und aktu­elle Bedeutung des Hafens und des Stichkanals (Teil H) unter besonderer Berücksich­tigung der wechselnden politischen Rahmenbedingungen für den Schiffstransport (im Verhältnis zu anderen Verkehrsträgern). In der Tat könnte der Schiffsverkehr dazu bei­tragen, daß Osnabrück weniger „unter die Räder“ des Autoverkehrs kommt. Wie der aktuellste Artikel dazu in der NOZ vom 8.2.96 unter der Überschrift „Herzstück des GVZ soll 1997 im Hafen stehen“ zeigt, ist der Hafen und ein Teil des Osnabrücker Güterverkehrs auf engste mit der Entwicklung eines GVZ (Güterverkehrszentrum) und einer KLV-Anlage (Spezialkran für den Kombinierten Ladungs-Verkehr) verbunden. Der Beitrag wird durch einen umfangreichen, illustrierenden Materialteil und einige didakti­sche Ideen ergänzt.

Nicht thematisiert wurde in diesem Band der natürlich auch existierende Osnabrücker Luftverkehr - sei es in Atter, sei es in Greven.

Ab Teil I beginnt der pädagogisch-didaktische Teil im engeren Sinne dieses sich insge­samt sich als „Didaktische Materialien“ — primär im Sinne eines Lehrerheftes — verste­henden Bandes. In Teil I habe ich selbst einige amtliche Texte bzw. Textauszüge zusammengestellt, einerseits zur Verkehrserziehung und ihrer Entwicklung, die anson­sten hier ja nicht behandelt wird und andererseits zum Thema Verkehr in den Nds. Emp­fehlungen zur Umweltbildung, zu denen unser Materialband inhaltlich und von seiner grundsätzlichen umweltpädagogischen Ausrichtung gut paßt.

In Teil K zeigt Ute Vergin, daß die Rahmenrichtlinien für verschiedene Fächer und Schularten auch schon jetzt einige Möglichkeiten für das Thema „Verkehr“ bieten, vor allem, wenn man als LehrerIn bereit ist, über den Rand seiner Fächer hinauszuschauen. Ein systematisierter Lernortekatalog zeigt Anregungen auf, unter welchen Aspekten man die Verkehrssituation an einem beliebigen Standort in Osnabrück beobachten und bewerten kann. In der abschließenden Ideenbörse findet man einige konkrete Vor­schläge und Anregungen. In Teil L hat Ute Vergin einige Unterrichtsbeispiele aus der fachdidaktischen Literatur zusammengestellt.

Die Auswahlbibliographie zum Thema und zu einigen umweltdidaktischen Frage­stellungen in Teil M, die hauptsächlich von Ute Vergin zusammengetragen wurde, kann und sollte nur einen kleinen Teil der vorhandenen Literatur erfassen. Aus Zeitgründen gibt es einen Schwerpunkt im geographischen Bereich, allerdings auch systematische Lücken, z.B. im naturwissenschaftlichen Bereich (soll später nachgeholt werden!). Wie man Literatur für potentielle Nutzer in hervorragender Form aufarbeiten kann, zeigen die ersten 4 Beispiele (M1.-M5), die den schon im 4. Band von Gerhard de Haan herausge­gebenen „Berliner Empfehlungen“ Bd. 4, erschienen im Verlag an der Ruhr, entnommen wurden. Diese auch in der kleinen NUSO-Bibliothek enthaltenen Bände, in denen auch Filme und Spiele vorgestellt werden, kann ich jedem ökologisch interessierten Lehrer oder jeder Schule sehr empfehlen! Unser Materialienband schließt mit einer Art Exzerpt eines ca. 300seitigen Textes mit gleichem Titel (Verkehr und Wohnumfeld im Alltag von Kindern) aus einem For­schungsprojekt aus den 80er Jahren, dessen sich auf die Sicht der Kinder beziehenden Fragestellungen und Thesen jedoch pädagogisch noch sehr aktuell sind für eine stadtteil­bezogene Unterrichtsarbeit (Öffnung der Schule), insbesondere zu den Themenfeldern „Verkehr“ und „Wohnen“. Damit wird gleichzeitig ein Übergang geschaffen zu dem nächsten Thema von NUSO, das auch Gegenstand einer regionalen Lehrerfortbildung im Mai 96 sein wird. Eine Liste von erprobten Fragen an SchülerInnen schließt den Text (N.9/10).

NUSO: 1996 und folgende Jahre

An dieser Stelle möchte ich kurz für 1995 eine Bilanz ziehen und auf unsere weitere Arbeit als Projekt „Natur und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO) eingehen: Inhaltlich haben wir uns in den letzten 14 Monaten intensiv mit 4 Themenbereichen beschäftigt und haben dazu 5 Lehrerfortbildungsveranstaltungen durchgeführt. Dies kam in der Herausgabe dieser Materialienreihe zum Ausdruck:

  • Bd. 1: „Sch..., Müll, Altlasten und was damit zu tun hat“ (Februar 95)
  • Bd. 2: „Der Schinkel: Frei-/Brachflächen und Stadt(teil)erweiterung“ (Mai 95)
  • Bd. 3: „Wasser - bis zum letzten Tropfen“ (Nov. 95)
  • Bd. 4: Eine Stadt unter Rädern — Verkehr in Osnabrück (Febr. 96)

Für 1996 sind als Themen u.a. noch vorgesehen: Wohnen (Mai 96), Wasser/Hase (Sept. 96), Vernetzung (Nov. 96), allerdings wird leider nur Ute Vergin weiterarbeiten können. Für 1996 haben wir weiterhin vorgesehen (wenn wir die finanziellen Mittel zur Verfü­gung haben), daß alle vorhandenen Materialienbände gründlich überarbeitet und in einer etwas größeren Auflage zur Verfügung stehen. Parallel dazu versuchen wir gemein­sam mit dem Museum am Schölerberg (im Rahmen der uns zugestandenen Möglich­keiten), den Aufbau des Städtischen Umweltbildungszentrums voranzutreiben und eine Anerkennung durch das Nds. Kultusministerium zu erreichen. Angesichts der Finanzprobleme der Stadt Osnabrück und des Landes gibt es zur Zeit allerdings erheb­liche und zunehmende Probleme, die die Fortsetzung unserer Arbeit gefährden!

An dieser Stelle möchten wir als NUSO und im Namen des Städtischen Umweltbildungs­zentrums an die Osnabrücker Schulen ein Kooperationsangebot ankündigen: Nach einem Vorgespräch mit der Deutschen Bundesstiftung Umwelt planen wir, eine mehrjäh­rige Förderung eines größeren Projektes zur lokalen Umweltbildung im Kontext des ent­stehenden Städtischen Umweltbildungszentrums zu beantragen. Aus Sicht von NUSO sollte ein Schwerpunkt die Weiterentwicklung, Konkretisierung und Praxiserprobung unseres umweltpädagogischen Ansatzes in Osnabrücker Schulen darstellen. Dies kann und soll natürlich nur in enger Kooperation mit interessierten Schulen geschehen. Hier böte sich für Schulen eine große Chance der Entfaltung und externen Unterstützung eines eigenen umweltorientierten Reformansatzes, der sich unter dem bildungspolitisch sehr aktuellen und zukunftsweisenden Begriff „Öffnung der Schulen“ auf den jeweiligen Stadtteil oder die Stadt Osnabrück bezieht. Wir werden in diesem Sinne schon in der Phase der Erstellung eines Förderantrages an die in letzter Zeit, vor allem im Rahmen der Lehrerfortbildungsveranstaltungen entstanden Kontakte anknüpfen ...

Darüber hinaus suchen wir übrigens dringend engagierte LehrerInnen und BürgerInnen, die im Rahmen unseres Vereins für Ökologie und Umweltbildung Osnabrück e.V. mitar­beiten; neben der Unterstützung von NUSO und der Mitarbeit beim Städtischen Umweltbildungszentrum gibt es noch andere Arbeitsfelder, z.B. „Päd. Umweltberatung“ für umweltfreundlichere Schulen, die wir aufbauen wollen oder auch das Schullandheim Mentrup-Hagen, wo wir bereits für ein Jahr eine päd. Arbeitstelle eingerichtet haben ... Gerhard Becker, im Februar 1996

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