Ute Vergin: Woher kommt es - wohin geht es? Wasser in Osnabrück

Nachwort

Gerhard Becker

Wasser-Agenda und Wasser-Bildung in Osnabrück

Die zum Teil schockierende und doch spannende Geschichte des Umgangs der Osnabrücker mit ihrem Wasser, sei es als Trink- und Brauchwasser, sei es als Abwasser oder Hase-Wasser, zeigt zusammenfassend eine gewisse Ambivalenz der gewählten Lösungen der auftretenden Ver- und Entsorgungsprobleme, sodaß man nicht von einer Geschichte des eindeutigen Fortschritts sprechen kann. Die Nutzung des Hasewassers als Trinkwasser mußte in der zweiten Hälfte des 19. Jh. endgültig eingestellt werden. Um die auftretenden schwerwiegenden gesundheitlichen Probleme (Cholera 1859, 1866) in den Griff zu bekommen und zukünftige Risiken zu vermeiden, mußte Zug um Zug auch die Nutzung von privaten Brunnen im Stadtgebiet zugunsten einer zentralen und hygienisch sicheren Versorgung über ein Rohrleitungsnetz aufgegeben werden. Mit der Erschließung außerhalb der Stadt liegender Grundwasserreservoire schienen alle Probleme dauerhaft beseitigt zu sein. Dieser technische Fortschritt stellte gleichzeitig eine sehr komfortable Lösung der Wasserversorgung dar. Sie hatte jedoch den gravierenden Nachteil hatte, zur Steigerung des Wasserverbrauchs beizutragen. Im Vergleich zum mühsamen Wassertragen, -schöpfen oder -pumpen gab es keine praktischen Hemmnisse mehr, zumal eine Begrenzung der Ressourcen für den einzelnen Nutzer nicht mehr direkt sichtbar war: Wasser kam scheinbar unbegrenzt aus dem Wasserhahn, die Frage des Woher und des erforderlichen Aufwandes verschwand aus dem Bewußtsein. Die Industrialisierung und die damit einhergehende rasante Bevölkerungsentwicklung ließen den Wasserverbrauch in Osnabrück ohnehin steil ansteigen. Anfangs wurde die Wasserverwendung sogar von der Stadtverwaltung gefördert – was heute widersinnig erscheint. All dies produzierte in kurzen zeitlichen Abständen neue Engpässe der Wassergewinnung, die nur mit einem zunehmenden technischen und finanziellen Aufwand überwunden werden konnten. Darüber hinaus besteht immer die Gefahr, daß in den immer weiter entfernt liegenden und stärker genutzten Erschließungsgebieten neue Probleme produziert werden, z.B. durch eventuell eintretende Grundwasserabsenkungen. Erst in jüngster Zeit wurde erkannt, daß das offensichtliche Mengenproblem des Wasserverbrauchs, das sich in den letzten Jahrzehnten durch neue Wohnformen (z.B. Single-Haushalte) sowie gehobene Lebensansprüche und Hygienestandards (z.B. häufigeres Duschen und Waschen) verschärft hat, nur durch technische Maßnahmen und verhaltensbedingte Verbrauchsreduzierung bewältigt werden kann. In den letzten Jahren scheint hier immerhin eine gewisse Stabilisierung des Verbrauchs oder gar Reduzierung des Verbrauchs eingetreten zu sein. Immer mehr wird jedoch nach Aussagen der Stadtwerke die Trinkwasserversorgung wieder von Hygiene- und Qualitätsproblemen eingeholt: Schadstoffeinträge gefährden auch die stadtfernen Gewinnungsgebiete. Zum Beispiel stellen das Nitrat, aber auch Pflanzenschutzmittel, ”Abfallprodukte” aus der modernen Landwirtschaft, die im Osnabrücker Raum in Form der Massentierhaltung zum Teil eine extreme Ausprägung hat, eine regelrechte Zeitbombe für die Trinkwasserversorgung dar, die sich schon bei den zahlreichen privaten Brunnen im Landkreis massiv ankündigt. Zur ständig erforderlichen Überprüfung und Qualitätsgewährleistung muß ein wachsender Aufwand getrieben werden, der jedoch zunehmend seine analytisch-sachlichen und finanziellen Grenzen erreicht. Andererseits gilt auch hier, daß letztlich erst ein verändertes Verbraucherverhalten zugunsten von Produkten einer ökologischen Landwirtschaft und eine neue Landwirtschaftspolitik zu einer grundlegenden Veränderung des Schadstoffeintrags führt.

Aber auch die Rohrleitungssysteme stellen ein Problem dar: Während die alten Leitungen aus lei schon lange als gesundheitsschädlich erkannt wurden, kommen in jüngster Zeit auch die modernen Kupferleitungen ins Gerede...

Die Abwasserproblematik ist in Osnabrück aufs engste mit der Hase verbunden. Dies wurde aus einer anderen Perspektive schon im ersten Band unserer Schriftenreihe ”Mein Name ist Hase – und ich bin ein Problem” deutlich, der ebenfalls von Ute Vergin verfaßt wurde. Das bloße Verstecken der Hase nutzte letztlich nichts. Wirkungsvoller war auch hier eine Verrohrung und letztlich eine Zentralisierung der Abwasserproblematik über das Klärwerk, die Stück für Stück realisiert und verbessert wurde. Dies erforderte – wie man schon aus dieser Broschüre entnehmen kann - auch hier ein immer höheren technischen und finanziellen Aufwand. Ähnlich wie bei der Trinkwasserversorgung hat die notwendige Verrohrung des Abwassers und die fast erreichte Abkopplung der Abwasser-Entsorgung von der Hase einen bewußtseinsmäßigen Nachteil: Es scheint aus Sicht des Verursachers, d.h. Abwasserproduzenten kein Problem mehr zu geben: Aus den Augen aus dem Sinn, die Klärwerke werden es schon regeln. Spätestens seitdem sich die Reparaturbedürftigkeit des riesigen, z.T. einhundertjährigen, unterirdischen Kanalnetzes zeigt, werden die Probleme, der technische Aufwand und die Kosten einer städtischen Abwasserentsorgung auch in diesem Bereich deutlich. Zur Zeit kann man dies bei der mehrere Jahre andauernden Generalerneuerung im Katharinenviertel beobachten.

Selbst das im Osnabrücker Raum häufig niederkommende Regenwasser bereitet Probleme, zum einen durch Schadstoffeinträge aus der Luft und von den Verkehrsflächen, zum anderen durch die mangelnden Versickerungsmöglichkeiten im bebauten städtischen Raum.

Den jeweiligen Problemen im Wasserbereich widmen sich bisher meist unabhängig voneinander agierende Experten: Chemiker ermitteln in verschiedenen betrieblichen und institutionellen Kontexten Schadstoffe, Ingenieure entwickeln technische Lösungen, Biologen bestimmen Tier- und Pflanzenbestände, Umweltverbände beklagen Einzelzustände von Gewässern, Interessenverbände setzen sich für spezifische Wassernutzungsmöglichkeiten ein... Gleichzeitig produzieren die Handlungen anderer Berufs- und Menschengruppen – z.T. ungewollt – neue Wasserprobleme. Politik und Verwaltung stehen den komplizierten sachlichen Problemen und widersprüchlichen gesellschaftlichen Interessenartikulationen häufig hilflos gegenüber. Auch für das Osnabrücker Wasser in seinen unterschiedlichen, meist versteckten und an technische Systeme gebundenen Daseinsformen, in seinen vielfältigen Anwendungsbereichen und mit seinen Problemen reichen diese unkoordinierten Wege nicht mehr aus. Statt dessen scheint eine integrierte und dauerhaft angelegte kommunale und regionale ”Wasserpolitik” geboten, die die unterschiedlichen Akteure zusammenführt und die auch die Bürger mit ihren unterschiedlichen Interessen und Bedürfnissen berücksichtigt. Dabei geht es nicht nur um verbesserte technische Maßnahmen und Systeme, sondern um die Bildung eines kritischen Bewußtseins vom komplexen städtischen Wassergeschehen und um eine Veränderung des Umgangs jedes einzelnen Bürgers und der Politik mit diesem zentralen Lebenselement - in Osnabrück und andernorts.

Daß das Thema Stadt-Wasser auch eine außerordentliche und berücksichtigenswürdige kulturelle Dimension hat, zeigte selbst das Thema Hase und seine historische Entwicklung. So hat der Erfolg der Abwasserversorgung sicherlich auch zum Abbau des schlechten Images der Hase im Bewußtsein der Bevölkerung beigetragen. Im Innenstadtbereich wurde sie sogar neu ”entdeckt” und wird mit verschiedenen Maßnahmen wieder stärker ins städtische Ambiente und Leben integriert: Neue Blickmöglichkeiten auf die Hase werden geschaffen, Geschäfte und Restaurants wenden sich ihr zu, Kulturveranstaltungen beziehen sie ein, ein Uferweg zum Spazierengehen wird geplant. Die Hase erfährt also zunehmende Wertschätzung im Innenstadtbereich, ja sie ist auf dem besten Wege, sogar eine Attraktion für das Stadtbild, für seine Bürgerinnen und Bürger, nicht zuletzt für seine Besucherinnen und Besucher zu werden. Darin drückt sich ein erstaunlicher kultureller und bewußtseinsmäßiger Wandel der Osnabrücker zu ihrem Fluß aus. Freilich hat die verstärkte Nutzung städtischer Gewässer für stadtgestalterische Zwecke und ihre Zugänglichmachung für die Bürger und Bürgerinnen (Haseuferweg u.ä.) u.U. auch ökologische Nachteile, die von einigen Umweltschützern schon kritisch kommentiert wurden. Eine integriert verstandene neue Wasserpolitik entspricht auch der Zielsetzung der ”Agenda 21” , einem fast 300seitigen Dokument von weltgeschichtlichem Rang, das das 1992 von fast 180 Staaten unterzeichnet wurde. In 40 Kapiteln werden Handlungsvorschläge für fast alle zukunftsrelevanten Problembereiche des 21. Jahrhunderts formuliert – deshalb auch der Name. Ziel dieser Agenda 21 ist eine nachhaltige Entwicklung, die die Zukunft der Menschheit langfristig sichern soll. Neben ökologischen Fragen gehören dazu auch Fragen der sozialen, internationalen und generationsübergreifenden Gerechtigkeit. Das 18. Kapitel beschäftigt sich speziell mit dem Süßwasser, dem Schutz von seiner Güte und Menge – weltweit. Freilich gib es zahlreiche Regionen und Städte, die erheblich gravierendere Probleme haben als wir in Osnabrück. Der Blick in unsere Geschichte sollte auch zeigen, daß es keinen Grund gibt, hochmütig zu sein. Auch das relativ regenreiche Osnabrück bedarf einer integrierten Wasserpolitik, einer neuen Kultur des Umgangs mit Wasser, auch jedes einzelnen Bürgers, also einer neuen, insbesondere urbanen ”Wasserkultur”.

Dies könnte ein weitere Aufgabe der Osnabrücker Lokalen Agenda 21 sein, die sich aus ihrem Entstehungskontext bedingt, seit 1995 hauptsächlich aus der Perspektive verschiedener Bevölkerungsgruppen (Frauen, Jugendliche, Migranten usw.) auf das Thema ”Wohnen/ Siedlungsentwicklung” konzentrierte. Erst allmählich wendet sich der Agenda-21-Prozeß in Osnabrück auch anderen Fragestellungen zu, die für eine nachhaltige Stadt- und Regionalentwicklung Osnabrücks wichtig sind. Zur Zeit wird von Peter Moser im Auftrag des Umweltamtes der Stadt ein umfassendes Konzept erarbeitet, das auch den Wasserbereich in all seinen Facetten umfassen soll. Es wird eine umfassendere Bestandsaufnahme enthalten und vielleicht auch Handlungsperspektiven vorschlagen. Entscheidend wird es dann sein, ob es gelingt, die wesentlichen Akteure aus den verschiedenen Institutionen, Verbänden, Vereinen und Bildungsinstitutionen zu diesem Themenfeld zusammenzuführen und mittelfristig gemeinsam ein tragfähiges Handlungskonzept zu entwickeln. Förderlich für die Umsetzung und breite Verankerung in der Bevölkerung wären konsensfähige und eingängige Leitbilder des zukünftigen Umgangs mit Wasser und leicht überprüfbare Indikatoren für Veränderungen. Als Erziehungswissenschaftler möchte ich die große Bedeutung des häufig vergessenen oder unterschätzten Bildungsbereichs betonen , weil ohne eine entsprechende, langfristig anzustrebende Sensibilisierung, Kenntnisvermittlung, Handlungsbefähigung, Aktivierung und Beteiligung (Partizipation) von Schülerinnen und BürgerInnen langfristig noch so gut geplante und koordinierte Maßnahmen im Bereich Wasser ohne durchschlagenden Erfolg bleiben werden. Eine solche, hier mit dem doppeldeutigen Begriff ”Wasser-Bildung” bezeichnete Perspektive erfordert alledings auch reformerische Veränderungen und Anstrengungen in den Bildungseinrichtungen und durch die Bildungspolitik. Für den Erfolg einer regionalen Wasser-Politik müssen freilich auch auf überregionaler Ebene politische Rahmenbedingungen geschaffen und Maßnahmen ergriffen werden.

G. Becker


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