Ute Vergin: Mein Name ist Hase – und ich bin ein Problem

Vorwort (G. Becker)

In den letzten Jahren haben die Osnabrücker ihren Stadtfluß wiederentdeckt: Neue Blickmöglichkeiten auf die Hase werden geschaffen, Geschäfte und Restaurants wenden sich ihr zu, Kulturveranstaltungen beziehen sie ein, ein Uferweg zum Spazierengehen wird geplant. Die Hase erfährt also zunehmende Wertschätzung im Innenstadtbereich, ja sie ist auf dem besten Wege, sogar eine Attraktion für das Stadtbild, für seine Bürgerinnen und Bürger, nicht zuletzt für seine Besucherinnen und Besucher zu werden. Darin drückt sich ein erstaunlicher kultureller und bewußtseinsmäßiger Wandel der Osnabrücker zu ihrem Fluß aus. Zumindest in den letzten 150 Jahren war die Hase dagegen für viele ein unangenehmes Problem ersten Ranges, man wandte sich ab und versteckte dieses Gewässer. Ob die ökologischen Probleme der Hase heute schon gelöst sind, darf man getrost bezweifeln, ja es gibt auch kritische Stimmen gegenüber der neuen Nutzung und Gestaltung.

All dies ist für Ute Vergin Anlaß, einmal einen Blick zurück zu werfen und sich die Frage zu stellen, welches Verhältnis die Osnabrücker zu ihrem Fluß hatten und wie und warum es sich im Laufe der Geschichte geändert hat. Es stellt sich dabei schnell heraus, daß die Osnabrücker schon immer sehr unterschiedliche Beziehungen zur Hase hatten. Mit dem Wachstum der Stadt nahmen die Nutzungen und unterschiedlichen Interessen an der Hase zu, deren Folgen zum Teil nicht sofort bekannt waren oder nicht berücksichtigt wurden. Dies ging in der Regel auf Kosten der Natur der Hase oder führte zu ihrer Veränderung, verminderte die Lebensqualität vieler Bürger und rief häufig Konflikte zwischen verschiedenen Gruppen von Bürgern hervor. Mit der Verbreitung der Presse wurden daraus gut dokumentierte, öffentliche Themen, die man heute Umweltprobleme nennen würde. In den kontroversen Argumentationen und dem praktischen Verhalten und Handeln der Osnabrücker Bürger kommen sehr unterschiedliche (Vor-)Formen von sich auf die Hase beziehendem Umwelt-Bewußtsein zum Ausdruck, die in dieser Broschüre dokumentiert und rekonstruiert werden.

Hauptgrundlage der Darstellung sind Presseartikel und Bilder der letzten 150 Jahre, die nicht nur wichtige Umweltereignisse dokumentieren, sondern ein Stück weit auch die „öffentliche Meinung“ bzw. die jeweiligen Formen des Umweltbewußtseins widerspiegeln. Seit 1988 haben Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Projektes NUSO (Natur und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück), seit 1994 die Historikerin Ute Vergin, systematisch ein Archiv und eine elektronische Datenbank zur Umweltgeschichte der Stadt Osnabrück aufgebaut, das zur Zeit fast 20.000 Dokumente als Kopien enthält und eine Fundgrube für fast beliebige Themen darstellt. Mehr als 500 Artikel, die sich mit der Hase beschäftigen, wurden herangezogen, um aufzuzeigen, daß sich innerhalb der Bevölkerung bezüglich der Hase tatsächlich etwas getan hat.

NUSO ist übrigens ein gemeinsames Produkt der Arbeitsstelle „Umweltbildung und Regionales Lernen“ der Universität Osnabrück, Fachbereich Erziehungswissenschaften und dem Verein für Ökologie und Umweltbildung. Aus dieser Kooperation sind in der Vergangenheit eine Reihe von Veröffentlichungen entstanden, vor allem das von mir herausgegebene und bei uns und in einigen Buchhandlungen erhältliche Buch „Stadtentwicklung im gesellschaftlichen Konfliktfeld. Naturgeschichte von Osnabrück“ sowie einige Bände mit Materialien zu verschiedenen Osnabrücker Umweltthemen. Unser Verein wird nun in Zukunft im Selbstverlag in einer einheitlich gestalteten Reihe weitere Broschüren herausgeben und dazu ergänzende didaktische Hilfen für die umweltpädagogische Arbeit in Schulen. Diese Reihe ist grundsätzlich offen für alle Autorinnen und Autoren, die etwas zur Umweltgeschichte und Ökologie oder auch zur aktuellen Problematik einer nachhaltigen Entwicklung der Stadt Osnabrück beitragen oder umwelt- und stadtbezogenes didaktisches Material für Schulen und andere Bildungseinrichtungen veröffentlichen wollen.

Die Broschüren dieser Reihe sind nicht nur als Lektüre gedacht. Sie sollen auch dazu beitragen, daß die Leserinnen und Leser die Stadt Osnabrück durch eigene Anschauung besser kennenlernen, ihre schönen Seiten, aber auch ihre Umweltprobleme sowie Spuren aus der Vergangenheit. Deshalb werden am Ende der Broschüre einige Hinweise gegeben, wo man etwas sehen oder entdecken kann. Uns ist dabei bewußt, daß dies aus Sicht des Naturschutzes in einigen Fällen durchaus ambivalent sein kann: Durch das Aufsuchen schützenswerter Uferabschnitte von zahlreichen interessierten Bürgern könnten zumindest ungewollt Schädigungen eintreten. Wir gehen jedoch davon aus, daß Leserinnen und Leser dieser Broschüre spätestens nach der Lektüre soviel Verantwortungsgefühl, Sensibilität und Vorsicht entwickeln, daß diese Befürchtungen nicht eintreten. Umgekehrt hoffen wir, daß durch die persönliche Kenntnis der positiven Seiten der Hase und ihrer beklagenswerten Zustände und Flußabschnitte, das Bewußtsein und ein Handlungsmotiv für die Entwicklung eines möglichst naturgemäßen und gleichzeitig urbanen Flusses geschärft wird ...

(Gerhard Becker)


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