Information zur Stadt Kjachta

Auszüge aus Mall/Just, S. 411-416)

Kjachta - verblichene Weltstadt

Direkt an der Grenze zur Mongolei, 36 km östlich des Grenzbahnhofs Nauschki, liegt die Bezirksstadt, die im 19. Jh. scherzhaft das „Venedig des Sandes" genannt wurde. Damals waren die Straßen der Siedlung noch nicht gepflastert und gegen den Sand war in dem flachen Tal, umgeben von hügeliger Steppenlandschaft, kein Kraut gewachsen, er war einfach überall. Dagegen mangelte es an Wasser, denn das kleine Flüsschen Kjachta konnte schon kurz nach der Gründung des Ortes im 18. Jh. den Bedarf kaum noch decken. Trotz dieser widrigen Umstände reichte die Berühmtheit des Ortes nicht nur bis Moskau und Petersburg - auch in den europäischen Hauptstädten war Kjachta ein Begriff. Denn die Grenzstadt versorgte ganz Europa mit chinesischem Tee, dessen Genuss im 19. Jh. nicht nur in Russland überaus populär wurde. Das heutige Kjachta ist trotz seiner 18.000 Einwohner eine ruhige Provinzstadt. Die Erinnerung an ihr „goldenes Zeitalter" wird hochgehalten, doch die sichtbaren Spuren sind verblasst. Nur das einzigartige Museum von Kjachta gibt noch einen würdigen Eindruck davon, dass nicht nur finanzkräftige Kaufleute, sondern auch Größen der Wissenschaft und Forschung seinerzeit den Ruf einer Weltstadt begründet haben. Ein Besuch lohnt sich für historisch interessierte.

Geschichte

Obwohl bereits Peter der Große Versuche unternommen hatte, die Beziehungen zu den chinesischen Nachbarn Russlands zu stabilisieren, war die Situation im Grenzgebiet des heutigen Kjachta zu Beginn des 18. Jh. sehr unsicher. Horden mongolischer Plünderer setzten der burjatischen Bevölkerung zu, die seltenen Handelskarawa¬nen wurden überfallen und es gab keinen festen Grenzverlauf. Dies sollte der russische Botschafter (bosnischer Herkunft) Sawwa Ragusinksi mit zwei Abkommen 1727 und 1728 ändern. Mit der Gründung des Handelsstützpunkts Kjachta, der der Kosakenfestung Troizkosawsk noch vorgelagert war, setzte er außerdem klare Prioritäten: Handel vor Militär. So kam es, dass sich der Handel mit Fellen und chinesischen Produkten, der bislang hauptsächlich über Nertschinsk abgewickelt wurde, sehr schnell auf Kjachta und das direkt gegenüberliegende chinesische Maimatschen konzentrierte. Von einem durch einen Palisadenzaun geschützten Geviert mit Han¬delsständen, Lagerräumen und einfachen hölzernen Wohnhäusern entwickelte sich Kjachta schnell zu einer kleinen Stadt, in der sich (staatlich begünstigt) Kaufleute aus ganz Russland niederließen. Sie führten - lange Zeit bargeldlos, auf reiner Tauschbasis - Pelze aus Russland aus und Tee aus China ein, der von hier in großen Ballen über Flüsse und einfache Karrenpisten weiter transportiert wurde über Ulan-Ude, Irkutsk und Omsk zu den großen Verkaufsmessen in Westrussland.

„Obosy, oder Reihen von Schlitten, welche Tee befördern, begegneten uns oft zwischen Tobolsk und Irkutsk; aber immer großartiger und häufiger wurden sie nun, als wir uns ihrem Ursprung näherten. Fünfzig bis hundert einspännige Schlitten fuhren hintereinander, und auf jedem lagen zwischen einem Netz von Stricken einige Ballen mit Tee, in behaarte Häute genäht. Nur wenige Führer sind bei einem solchen Zuge beschäftigt; sie erleichtern sich ihr Geschäft, indem sie einiges Heu auf das Hinterteil des Fuhrwerks legen, damit jedes Pferd seinem Vorgänger pünktlicher folge." Adolph Erman (1829)

Was heute einfach „Teestraße" genannt wird, war damals ein abenteuerliches Unterfangen, das 130 bis 200 Tage in Anspruch nahm. Die Kaufleute von Kjachta machte es reich. Man sagt, dass Mitte des 19. Jh. in Kjachta nur Millionäre lebten. Mobiliar und Einrichtungsgegenstände kauften sie in Moskau, Paris und Peking. Selbst der bescheidenste Kaufmann hatte mindestens zehn Bedienstete. Auch die Bildung lag ihnen am Herzen. Hier entstanden die ersten Gymnasien und Bibliotheken, die erste Zeitung östlich des Baikalsees. Selbstverständlich wurden Kirchen, ja Kathedralen gebaut, ausgestattet mit Gold, Silber und Kristall. In seiner Blütezeit hatte der Handel in Kjachta einen Anteil von 10 % am gesamten russischen Außen¬handel. Wohl aus verwaltungstechnischen Gründen war den Behörden daran gelegen, dass Handwerker und andere Berufsstände nicht in Kjachta, sondern im benachbarten, aus der Festung her¬vorgegangenen Troizkosawsk lebten. Erst 1934 wurden beide unter dem Namen Kjachta zusammengefasst, doch bis heute ist das ehemalige Kjachta als Slobodä (Vorstadt) deutlich getrennt vom Zentrum.

Ab 1880 wendete sich relativ plötzlich das Blatt: Der Bau des Suez-Kanals machte den Seeweg für Europa und auch für Westrussland billiger und schneller als den nach wie vor mühsamen Landweg. Als dann in den 90er Jahren des 19. Jh. die Transsib gebaut wurde, konnte sogar Sibirien von Wladiwostok am Pazifik aus ungleich einfacher beliefert werden. Die reichen Bewohner der Stadt verlegten ihre Firmen nach Moskau und zogen weg. Langsam begann der Glanz zu verblassen.

Der Bürgerkrieg tat ein Übriges, um ihn endgültig auszulöschen. Kjachta war lange Zeit in der Gewalt des zarentreuen, für seine Grausamkeit berüchtigten Generals Semjonow. Ein Denkmal oberhalb der Stadt erinnert an das Blutvergießen, in dem er im Winter des Jahres 1919 1600 gefangene Demokraten, Sozialisten und Kommunisten aus dem ganzen Baikalgebiet ermorden ließ. Auch die politischen Wirren in der Mongolei warfen ihren Schatten auf die Stadt. Beim Versuch, das Regime des Barons Ungern zu schwächen, zerstörte Suche Bator den benachbarten Grenzort Maimatschen, der danach nicht wieder auf¬gebaut wurde.

Für die Wiederherstellung der zerstörten Kulturdenkmäler Kjachtas standen in den bald folgenden Kriegsjahren keine Mittel zur Verfügung. Heute sind die monumentalen Bauten erst recht eine nicht tragbare Bürde für die Kleinstadt, die kaum Industrie hat. Seit 1996 fließen erste Mittel aus einem Regierungsprogramm für den Schutz historisch bedeutender Städte Russlands. Auch mit amerikanischer Hilfe wird versucht, ein Entwicklungskonzept für Kjachta zu erarbeiten. Eines der geplanten Projekte ist die Einrichtung einer russisch-mongolischen Freihandelszone. Sogar in den Tourismus werden Hoffnungen gesetzt. Die Zukunft wird zeigen, ob Kjachta eine Chance hat, einen Teil seiner internationalen Bekanntheit zurückzuerlangen.

Sehenswertes

Heimatmuseum

Das Museum der Stadt Kjachta ist anders als viele andere Heimatmuseen im Baikalgebiet kein von Schülern zusammengetragenes Sammelsurium. Seine Exponate, die zum größten Teil schon im 19. Jh. ausgestellt wurden, sind bis heute eine Fundgrube für Wissenschaft und Forschung. Nachdem in den 1880er Jahren von verbannten Demokraten der Grundstock der Sammlung gelegt worden war, erreichte 1894 der polnische Arzt Julian Talko-Grynzewitsch die staatliche Anerkennung des Museums. In den folgenden Jahrzehnten leisteten ortsansässige und durchreisende Botaniker, Archäologen, Ethnologen und Historiker freiwillig und unbezahlt Erstaunliches in diesem abgelegenen Winkel des riesigen Reiches.

Viele der Exponate sind heute mit der alten Beschriftung in schönen, historischen Holzvitrinen zu bewundern. Andere Teile sind neuer und dokumentieren das Leben der Kaufleute in Kjachta und die Stadtgeschichte des 20. Jh. Besonderen Wert haben Ausgrabungsstücke aus Siedlungen der Hunnen, gefunden in der Umgebung (siehe Burjatien-Reise 2006).

Uspenskaja-Kirche

Die einzige Kirche von Kjachta, die renoviert ist und genutzt wird, befindet sich am südlichen Rand des zentralen Stadtteils. Die Uspenskaja zerkow in der ul. Krupskoi 4 wurde 1884¬-1888 im russisch-byzantinischen Stil erbaut. Das freie Gelände hinter der Kirche war früher ein großer Friedhof und wurde dann zeitweise zu einem Stadion umfunktioniert. Heute erinnert ein großes Kreuz an seine ursprüngliche Bedeutung.(siehe Burjatien-Reise 2006).

Handelsarkaden

Im Zentrum von Kjachta grenzt an die Leninstraße der große Bau mit viereckigem Grundriss vom Ende des 19. Jh., dessen Vorderfront mit Arkadenbögen man die repräsentative Funktion durchaus ansieht. Die Handelsarkaden (Gostinye rjady) beherbergen noch heute Geschäfte und Lagerräume.

Dreifaltigkeits-Dom

Unweit des Museums steht mitten im Zentrum von Kjachta die Ruine des Doms (Troizki sobor), die trotz ihres furchtbaren Zustandes immer noch etwas vom ehemaligen Prunk und Reichtum der Stadt ausstrahlt. In der ersten Hälfte des 19. Jh. erbaut, war der Dom ein typisches Beispiel des russischen Klassizismus, beeindruckte aber durch eine ungewöhnliche Anordnung der Kirchenräume und durch seine große Kuppel. Nach der Schließung 1930 wurde er zeitweise als Kino genutzt, die Einrichtung ging komplett verloren bzw. befindet sich vermutlich noch teilweise in kirchengeschichtlichen Sammlungen von Museen. Nachdem ein Brand 1962 das leer stehende Bauwerk zusätzlich verwüstete, sind inzwischen auch die Grundmauern in so katastrophalem Zustand, dass der Dom wohl kaum noch zu retten sein wird. Die Ruine ist zugänglich.

Auferstehungskirche

Zwei weitere Mahnmale der Vergänglichkeit liegen im Ortsteil Sloboda, dem eigentlichen alten Kjachta. Die Auferstehungskirche (Woskresens¬kaja zerkow) ist inmitten der wenigen Holzhäuser und Plattenbauten schon von weitem zu sehen. Im Gegensatz zum Dom sind ihre Kuppel und ein Teil der Stuckverzierungen im Inneren noch erhalten. Doch auch hier fehlen Fenster, der Wind weht durch die hohen Kirchenräume. Es ist schwer, sich vorzustellen, dass die Auferstehungskirche seit ihrer Fertigstellung (ca. 1838) wohl die reichste Kirche im Baikalgebiet war. Die Kaufleute von Kjachta überbaten einander an Großzügigkeit, sie spendeten eine prächtige Ikonenwand, eine silberne Kanzel und viele andere prunkvolle Ausstattungsstücke. Teilweise wurde dieser Reichtum bereits im Bürgerkrieg Opfer von Plünderungen. Endgültig wurde auch diese Kirche 1930 geschlossen. Mit staatlichen Mitteln wird momentan die Einfriedung wiederhergestellt. Auf private Initiative von Einwohnern ist in einem Teil des Kirchenschiffs ein kleiner Gebetsraum eingerichtet, in dem mit Unterstützung der Uspenskaja-Kirche Gottesdienste abgehalten werden. Doch für größere Renovierungsarbeiten fehlen bisher die Mittel (siehe Burjatien-Reise 2006). .

Handelshof

Der große steinerne Komplex neben der Auferstehungskirche, zwischen dessen Mauern nicht nur große Geschäfte abgeschlossen, sondern auch Tee sortiert, gereinigt und verpackt wurde, ist der Nachfolger des ersten hölzernen Handelshofes. 1853 fertig gestellt, war er noch mehrere Jahr¬zehnte lang das wirtschaftliche Zentrum von Kjachta. Im 20. Jh. wurden einige der Lager- und Verwaltungsgebäude in dem Karree zu einer Textilfabrik umfunktioniert, doch auch von ihr ist außer dem Wandgemälde über dem Eingangstor nicht mehr viel zu sehen. Der Zahn der Zeit nagt an den Mauern, vieles ist schon überwuchert und nur wenige erhaltene Gebäude im Inneren des Handelshofes (gostiny dwor) werden von mongolischen Händlern als billige Absteige genutzt.

Kaufmannshäuser in Sloboda

Im Stadtteil Sloboda stehen noch die Reste mehrerer, einst stattlicher Kaufmannshäuser. Typisch für Kjachta war, dass reiche Bürger häufig Balkons und Veranden an ihren Häusern an¬bringen ließen, auf denen sie die abendliche Kühle genießen konnten. Eines der schönsten war das Wohnhaus des Kaufmanns Luschnikow. Es steht etwas separat am Anfang des Stadtteils und ist gut zu erkennen durch sein repräsentatives Hoftor. Das Haus, in dem neben vielen anderen Berühmtheiten die Brüder Bestuschew aus Nowoselenginsk oft zu Gast waren, steht inzwischen leer. Holzhäuser im Zentrum

Auch im Zentrum von Kjachta gibt es eine ganze Reihe teils gut erhaltener alter Holzhäuser, an denen Tafeln an berühmte Persönlichkeiten oder historische Ereignisse erinnern. Einige sind eng verknüpft mit der Entstehung der mongolischen Volksrepublik, deren Initiator Suche Bator eine Zeit lang aus dem Untergrund von Kjachta aus agierte. Aus diesem Grund waren Kjachta und die mongolische Stadt Suche-Bator Partnerstädte.

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