Bericht aus der Schülerzeitung des Gymnasiums "In der Wüste" (Sept. 08)

Johanna Krull und Diana Schmücker (Gymnasium "In der Wüste")

Burjatien 2008 – eine Reise ins Unbekannte

Wir wussten kaum, was uns erwartete, als wir unsere Reise ins ferne Sibirien antraten. Eisige Kälte? Wodka ohne Ende? Unberührte Natur? Arme Menschen? Gefräßige Braunbären?

Am 22. August flogen wir, 14 Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums „In der Wüste“, drei Schülerinnen der Freien Waldorfschule Evinghausen und eine Schülerin des Artlandgymnasiums Quakenbrück, in das etwa 6240 Kilometer entfernte Ulan-Ude, die Hauptstadt der russischen Republik Burjatien, die sich nördlich der Mongolei befindet. Nachdem wir sicher gelandet waren, fuhren wir unter Polizeischutz zur Fremdsprachen-Fakultät der Stadt. Die Straßenverhältnisse waren für deutsche Verhältnisse mehr als dürftig, aber harmlos im Vergleich zu dem, was später noch auf uns zukommen sollte.

Gut angekommen wurden wir sogleich traditionell burjatisch begrüßt: Zwei Burjaten in klassischen Trachten hielten eine kurze Rede, anschließend mussten alle Deutschen einen Schluck Milch trinken und ein Stückchen selbstgebackenes Brot essen, welches man zuerst in Salz eintauchen sollte. Den ersten kleinen „Kulturschock“ erlitten wir dann, als wir in der Universität auf die Toilette wollten… In den Wohnungen der Gastfamilien waren die hygienischen Verhältnisse jedoch annähernd vergleichbar mit unseren, sodass uns ein kleiner Stein vom Herzen fiel. Die Familien der Studentinnen, bei denen wir für die Zeit wohnten, die wir in Ulan-Ude verbringen würden, empfingen uns schließlich sehr herzlich mit reichlich kulinarischen Spezialitäten des Landes. Vor allem das Essen unterscheidet sich sehr von Deutschland. In Burjatien wird traditionell viel Fisch und Fleisch gegessen und sehr fettig gekocht. Desweiteren gibt es zu jeder Mahlzeit Tee und Brot. Eines der typischen Gerichte heißt „Posy“. Es ist vergleichbar mit einer Teigtasche, die mit Hackfleisch gefüllt ist. Posys isst man auf eine spezielle Weise: man nimmt sie in die Hand und beißt ein kleines Loch in den Teig, wodurch man zunächst die sehr leckere Brühe heraussaugt. Eine weitere Nationalspeise ist der „Omul“, ein Fisch, den es nur im Baikalsee gibt. Man isst ihn in allen möglichen Variationen: gekocht, in Suppe, gebraten, roh gesalzen, getrocknet gesalzen usw. Die ersten beiden Tage verbrachten wir damit, mit unseren Gastfamilien die Stadt kennenzulernen. Allein in dieser kurzen Zeit gewannen wir unzählige neue Eindrücke. Zu Beginn der neuen Woche fuhren wir ganze sechs Stunden auf Straßen mit zahllosen Schlaglöchern ins 240 km entfernte Maximicha, ein kleines Dorf am Baikalsee. Dieser ist mit einer Tiefe von bis zu 1637 Metern und einer Oberfläche von 31 500 km² – entspricht etwa der Fläche Belgiens –das größte Süßwasserreservoir der Erde. In der Herberge Kumutkan trafen wir auf Schülerinnen und Schüler aus ganz Burjatien, mit denen wir die nächsten sieben Tage an einer „Internationalen Sommerschule“ teilnahmen. In dieser Zeit drehte sich zunächst alles um interkulturelle Kommunikation: Wie verständigt man sich, ohne dieselbe Sprache zu sprechen? Welche Gerichte sind typisch für das jeweils andere Land? Welche Vorurteile hatten wir und welche Traditionen gibt es? Außerdem lernten in einer Art Schnellsprachkurs die wichtigsten Ausdrücke der jeweils anderen Sprache kennengelernt.

Jeden Morgen stand eine halbe Stunde Frühsport auf dem Programm. Dabei musste zunächst zum Strand gejoggt werden, wo dann an der frischen Luft Morgengymnastik vor- und mitgeturnt wurde (raz – dwa – tri – tchitiri!). Viele Deutsche sprangen danach sofort in den 12°C kalten Baikalsee – ein Erlebnis, das wir wohl so schnell nicht vergessen werden. Interessanterweise war dieses Vergnügen unseren Freunden aus Burjatien eindeutig zu kalt, erst recht am frühen Morgen!

Als kulturelles Abendprogramm boten uns die Burjaten einen bunten Einblick in ihre Kultur. Sie führten traditionelle Tänze auf oder sangen Lieder, natürlich alles in passenden Trachten. Auch unserer Gruppe aus Deutschland zeigte am folgenden Abend Präsentationen, Schauspiel, Tanz und Gesang.

Der zweite inhaltliche Schwerpunkt der Sommerschule war die „Ökologie des Baikalsees“. Wir nahmen an drei verschiedenen Workshops teil: Ornithologie (Vogelkunde), Botanik (Pflanzenkunde) und Hydrochemie (Gewässerchemie). So konnten wir Besonderheiten dieses einzigartigen Naturraums kennenlernen, und auch endemische Pflanzen und Vögel entdecken, die nur in dieser Gegend der Erde vorkommen. Daneben gab es aber auch viele aus Mitteleuropa bekannte Arten. Das Wasser des Baikalsees und eines kleinen Zuflusses haben wir auf seine chemische Belastung untersucht und die Ergebnisse mit den Messwerten anderer Forscher verglichen.

Diese Woche verging wie im Flug und ehe wir uns versahen, hieß es Abschied nehmen von den Burjaten, die in den letzten sieben Tagen zu unseren Freunden geworden waren. Zurück in Ulan-Ude, ging das umfangreiche Programm mit zahlreichen Tagesausflügen weiter. So blieb wenig Zeit, um sich ein bisschen auszuruhen, aber es sollte ja auch keine Urlaubsfahrt sein, sondern eine Studienfahrt.

Am Dienstag fuhren wir zum Beispiel zum Iwolginski Dazan. In dieser größten und wichtigsten buddhistischen Tempelanlage Russlands befindet sich auch das buddhistische Nationalheiligtum, das vier erwachsene Männer unserer Gruppe ausnahmsweise verehren durften: Der 150 Jahre alte Lama Dashi-Dorzho Itigilov.

Anschließend nahmen wir an der Weihung einer Stupa teil, gefolgt von einem Mittagessen in einer Jurte und einem Volksfest mit Tanzaufführungen und burjatischen Sportwettkämpfen. Nach der Verkostung heiligen Quellwassers gab es noch eine Einladung an eine Schule auf dem Lande.

In den darauffolgenden Tagen statteten wir in Gruppen weiteren burjatischen Schulen auf dem Land und in der Stadt Ulan-Ude Besuche ab. Dabei haben wir einige Unterschiede zu deutschen Schulen festgestellt, unter anderem, dass man in Russland nur 11 Jahre zur Schule geht und dann schon mit 17 Jahren studieren kann – und auch viel früher heiratet und Kinder bekommt. Auch konnten viele Informationen über aktive Projekte ausgetauscht werden. Besonderes Interesse bestand immer wieder an konkreten Umweltprojekten, Gemeinsamkeiten und Unterschieden in Kultur und Tradition, Fragen der Esskultur und Gefahren von Fastfood. Besonders beeindruckend waren auch die international berühmten Tanz- und Musikaufführungen der Schüler des humanistisch-musischen Lyzeums. Die Gastfreundlichkeit war bei allen Treffen immer wieder überwältigend und es wurde sehr oft betont, dass die deutsch-burjatischen Kontakte in Zukunft unbedingt bestehen bleiben sollten. Vor allem wurde der Wunsch geäußert, dass uns nächstes Jahr burjatische Schüler in Osnabrück besuchen kommen können, so wie es im vergangenen Jahr schon einmal realisiert worden ist. Darauf, dass es einen regelmäßig stattfindenden Deutschland-Burjatien-Austausch geben wird, hoffen auch wir Deutsche sehr. Auf diese Weise könnte man sich zum Beispiel noch weiter über die Kultur, Religion, Tradition und Umwelt austauschen oder gemeinsame Projekte realisieren.

Was uns alle sehr erstaunt hat, war, dass die burjatischen Jugendlichen sich in manchen Dingen sehr wenig von uns unterscheiden: die neusten Handys, Fotokameras und Laptops, dieselben Hobbys und Interessen. Das hätten wir nach allen Informationen vor unserer Abreise so nicht erwartet. Aber vielleicht waren es auch diese Gemeinsamkeiten, die uns in Burjatien so schnell neue Freunde finden ließen.

Die Zeit in Burjatien war definitiv voller positiver Überraschungen. Wir haben so viele neue Erfahrungen gemacht, so viel Spannendes erlebt – es war eine Reise, die wir nicht so schnell vergessen werden. Und zu guter Letzt: In Sibirien ist es nicht immer so kalt wie man denkt!

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