Umweltpädagogisches Projekt NUSO

Didaktische Materialien, Vernetzung und städtisches Umweltbildungszentrum

Diese neue Phase können wir getrost als Eintritt in die pädagogische Phase bezeichnen. Zwar widmeten wir nach wie vor unserem historisch-ökologischen Zeitungsarchiv als dem »Herzstück« von NUSO gebührende Aufmerksamkeit: Lücken wurden geschlos-sen, die Struktur optimiert, und die fortlaufende Aufnahme aktueller Zeitungsberichte blieb verpflichtend. Gleichzeitig wurde aber auch der Kontakt zum Schulbereich, d. h. konkret zu Osnabrücker Schulen, Lehrerinnen und Lehrern gesucht. Das damalige Mul-tiplikatorenteam »Regionale Umwelterziehung« für die Stadt Osnabrück wurde zum Kooperationspartner, zeitweilig waren wir räumlich gemeinsam in der Universität (da-mals im ehemaligen »Haus der Landwirtschaft«) untergebracht. Diese Kontaktauf-nahme fiel gar nicht mal so schwer: Schon seit Jahren arbeitete Gerhard Becker im Rahmen seiner universitären Tätigkeit mit Lehrerinnen und Lehrern in der Umweltbil-dung zusammen.

Das erste Hauptziel dieser Kooperation war die Verbreitung von Umweltbildung durch Information und Fortbildungen. So führten wir ab Dezember 1992 in wöchentli-chem Turnus Abendveranstaltungen für Lehrkräfte in der Universität durch: »Umwelt-erziehung – Was ist los an den Osnabrücker Schulen?« Der öffentliche Austausch sollte die Aktivitäten an den Schulen forcieren. Als Auftakt diente am 8. September 1992 eine große »Vernetzungsveranstaltung«. An dieser ganztägigen Zusammenkunft nahmen neben Lehrkräften auch Vertreter von Umweltverbänden aus der Osnabrücker Region teil. Die ebenfalls anwesenden Vertreter der Bezirksregierung konnten an diesem Tag registrieren, daß die von NUSO und der Universität initiierten Kooperationsbemü-hungen für die Stadt Osnabrück in die Richtung einer Vernetzung und Institutionalisie-rung der städtischen Umweltbildung führten. Vor allem die Entscheidungsträger in Poli-tik und Verwaltung der Stadt Osnabrück werden sich daran erinnern, daß Gerhard Becker die institutionelle Förderung von NUSO immer wieder anmahnte.

Daneben nahm die inhaltliche Beschäftigung mit historischen oder aktuellen Um-weltproblemen in der Stadt weiterhin einen breiten Raum ein. Die große und rapide wachsende Datenfülle mußte systematisiert werden, um verschiedene Themenbereiche herauskristallisieren und didaktisch für die Arbeit an den Schulen aufbereiten zu kön-nen: Ein Katalog für die Erstellung didaktischer Materialien entstand. Als sich diese zweite ABM-Phase dem Ende näherte, wußte noch niemand so recht, wie die bislang so erfolgreiche Arbeit weitergeführt werden sollte und vor allem: Wie konnte das Archiv gerettet werden?

Eine Anfrage beim Arbeitsamt ließ uns aufatmen: Die gute Kooperation könne fort-gesetzt werden, hieß es, das Amt wolle Mittel für eine neue Arbeitskraft bereitstellen. So kam am 15. Juli 1994 Vera Lange zum Projekt, die Kontinuität der Arbeit war zunächst gesichert. NUSO und die Altlasten in der Wüste

Hin und wieder waren seltsame Dinge aus der Osnabrücker Wüste zu hören, einem Stadtteil, der seit der sogenannten Gründerzeit im Westen der Stadt auf ehemaligem sumpfigen Brach- und Weideland gewachsen war. Toxisch belastetes Gemüse wurde von ökologisch wirtschaftenden Gärtnern geerntet. Was zunächst als Einzelfälle wahr-genommen wurde, häufte sich. Was war los mit dem Boden in der Wüste? Eine erste Antwort fand sich im NUSO-Archiv: In den 30er Jahren hatten städtische Müllfahrzeu-ge ihre Fracht in der Wüste entladen, zur Auffüllung des Geländes und zur Düngung der landwirtschaftlich und gärtnerisch genutzten Flächen, wie es hieß. Die Befürchtung, ein ganzer Stadtteil gründe auf Müll, machte die Runde. Unsere historischen Vorarbeiten mit unserem umwelthistorischen Archiv brachten uns den Auftrag für eine großangeleg-te historische Recherche: Wo, in welchen Grenzen und in welchem Maße wurde in der Wüste Müll entsorgt? Kann man etwas über die Zusammensetzung des Mülls erfahren?

Diese Aufgabe war Grund genug, eine archiverfahrene Historikerin zur Unterstützung zu bitten. Mit Ute Vergin fanden wir eine kompetente Frau, die sich tapfer durch meterdi-cke Aktenberge kämpfte und in den Aufzeichnungen und Urkunden die Wüste Straße um Straße absuchte, Bombentrichter als potentielle Müllhalden kartierte und die Lage früherer Gewerbebetriebe aufspürte. Ich selbst zog los und führte zahlreiche Interviews mit Zeitzeugen und alten Wüstenbewohnern, trug Zeitungsmaterial aus den letzten 150 Jahren zusammen, systematisierte es und faßte es mit den Ergebnissen der Akten-recherchen zu einem historischen Gutachten zusammen, das u. a. als Grundlage für die dann folgenden Bodenuntersuchungen dienen sollte.

Materialien zur Stadtökologie und Lehrerfortbildungen

Im Dezember 1994 gab es eine einschneidende Veränderung in den Voraussetzungen für unsere Arbeit. Ab diesem Zeitpunkt wurde NUSO für die Schwerpunkte umwelthis-torisches Archiv, innerstädtische Lernorte und Entwicklung didaktischer Materialien unter dem Motto »Umwelt hat Geschichte«von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt gefördert. Ute Vergin, die ja schon maßgeblich an dem historischen Gutachten zum Stadtteil Wüste beteiligt war, konnte als ABM-Kraft eingestellt werden. Auch ich konnte wieder in den hauptamtlichen Mitarbeiterkreis aufgenommen werden. Jetzt hatten wir optimale Voraussetzungen, aus unserem Archiv unter Hinzuziehung weiterer Quellen didaktische Materialien zu bestimmten Themenkomplexen zu entwickeln. Mit einem »umweltpädagogischen Frühstück«, einer Lehrerfortbildung zur gesunden Ernährung mit Vollwertprodukten aus der Region, waren wir in die Schulöffentlichkeit getreten, um diese neue Projektphase vorzustellen. Von Anfang 1995 bis Ende 1996 entwickelten wir didaktische Materialien, die als Broschürenreihe auf den Markt kamen. Titel: »Dokumente und Materialien zur Osnab-rücker Stadtökologie«. Jeder Band enthält eine Fülle von Informationen und Anregungen für den Unterricht, kombiniert mit Katalogen möglicher städtischer Lernorte, und dies alles auf einen bestimmten Themenkomplex zugeschnitten. Parallel dazu konzipierten wir (in der Regel zweitägige) Lehrerfortbildungen zu denselben Themen, so daß wir die Bände gleich einsetzen konnten.

Der Auftakt war im Februar 1995 mit dem Thema »Sch..., Müll, Altlasten und was damit zu tun hat«, gefolgt von »Der Schinkel: Frei-/Brachflächen und Stadt(teil)erweiterung« (Mai 1995), »Wasser – bis zum letzten Tropfen« (November 1995), »Eine Stadt unter Rädern – Verkehr in Osnabrück« (Februar 1996), »Leben und Wohnen in der Stadt Osnabrück« (Mai 1996) und »Wasser in Osnabrück II« (Septem-ber 1996). »Die Umweltspinne«, eine eintägige Fortbildung zur Vernetzung von Um-weltbildung in den Schulen, fand am 12. November 1996 statt. Alle diese Veranstaltun-gen wurden sehr gut angenommen. Sie waren gelungene Kooperationen zwischen der Universität, dem Verein für Ökologie und Umweltbildung Osnabrück e. V. und dem Museum am Schölerberg, das seine Räumlichkeiten und Gerätschaften bereitwillig zur Verfügung stellte.

In dieser Zeit wuchs das überregionale Interesse an unserem Projektansatz und unse-rer praktischen Arbeit. Auf etlichen bundesweiten und internationalen Tagungen konn-ten wir uns vorstellen und Werbung machen für eine urbane Umweltbildung.

Wasseruntersuchungen an der Hase: Lehrerfortbildung zum Thema Wasser

NUSO und das Umweltbildungszentrum

Wir haben es bereits angedeutet: Unser großes Ziel war die Institutionalisierung einer städtischen Umweltbildung für Osnabrück, die Etablierung einer festen Einrichtung, welche vom anfänglichen Konzept eines »Innerstädtischen Lernstandortes« hin zum »Städtischen Umweltbildungszentrum« im Laufe der Zeit ihre Konturen gewann. Dabei war die Kooperation des Vereins für Ökologie und Umweltbildung mit der Universität (Arbeitsstelle Umweltbildung und Regionales Lernen) und dem Museum am Schöler-berg das entscheidende Erfolgsrezept. Das gemeinsame Konzept mit dem städtischen Profil und dem Bezug zur Agenda 21 konnte überzeugen: Die Anerkennung durch das niedersächsische Kultusministerium als Regionales Umweltbildungszentrum (RUZ) erfolgte nach langen, schwierigen Verhandlungen im Frühjahr 1997. Nach dem gemein-samen großen Erfolg übernahm das Museum (und damit die Stadt Osnabrück) die alleinige Trägerschaft und plazierte die Universität Osnabrück und den Verein für Öko-logie und Umweltbildung in den inzwischen erweiterten Kreis seiner Kooperations-partner.

Umweltgeschichte und stadtökologische Erkundungen

Nachdem Ende 1996 Ute Vergins ABM ausgelaufen war, wäre das Projekt um ein Haar verwaist, denn es gab vorübergehend niemanden mehr, der hauptamtlich tätig war. Zum Glück jedoch hielten frühere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter quasi neben-amtlich die Geschäfte »am Laufen«. Besonders Ute Vergin gelang es nicht nur, das Archiv zu warten, sondern auch noch zwei Veröffentlichungen herauszubringen, die den Auftakt einer Publikationsreihe des Vereins für Ökologie und Umweltbildung in dem neu gegründeten Eigenverlag bildeten: »Mein Name ist Hase – und ich bin ein Problem« über den vielgeschundenen und heute wiederbelebten Osnabrücker Stadtfluß und »Woher kommt es – wohin geht es? – Wasser in Osnabrück«, eine Broschüre über den Umgang mit dem Wasser in Osnabrück zu allen Zeiten. Im Februar 1998 konnten wir eine neue hauptamtliche Mitarbeiterin begrüßen. Mit Dorota Kuczia, die als Biologin den von Beginn an anvisierten interdisziplinären Kon-text komplettierte, bekam die pädagogische Projektarbeit neue praktische Impulse. Der historische Hintergrund wurde um naturkundliche Aspekte erweitert. Außerdem trat jetzt neben die Arbeit mit Multiplikatoren die pädagogische Aktivität an der Basis, vor allem auch mit Schülerinnen und Schülern. Sehr gelegen kam in diesem Falle auch die räumliche Nachbarschaft in der Universität mit der Pädagogischen Umweltberatung an Schulen (s. den Beitrag von Ursula Wilm-Chemnitz in diesem Band). Dorota Kuczia legte den inhaltlichen Schwerpunkt auf die Themen »Wasser« und »Hase«.

Im April setzte das Kommunikationszentrum »Lagerhalle« ein Programm zum Thema »Wasser« in Szene – Gelegenheit für uns, den Schwerpunkt »Hase« aus unse-rer großen NUSO-Ausstellung technisch aufzumöbeln, auf den neuesten Stand zu brin-gen und einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen. Dazu gab es eine »WasserBildung« im Angebot, eine Fortbildung, die ebenfalls in der Lagerhalle zu genießen war. Und wer noch mehr wollte, der konnte sich an die Hase führen lassen und unter fachkundiger Anleitung die Realitäten vor Ort selbst überprüfen. Dorota Kuczia wurde bei diesen Aktionen von unserer pädagogischen Umweltberaterin Ursula Wilm-Chemnitz tatkräf-tig unterstützt, auch was die Zusammenstellung und Herausgabe einer »WasserBil-dungs«-Broschüre betraf. Haserundgänge wurden jetzt regelmäßig angeboten – und das nicht nur für Schulen. Einen besonderen Leckerbissen gibt es mittlerweile auch für andere Adressaten. Ein Hase-Diplom ist für Gruppen zu erwerben, die neben vielem Lehrreichen auch Spaß am Naß erleben wollen – z. B. auf einem Betriebsausflug.

Die Hase vor Ort erklärt: Dorota Kuczia während eines Haserundganges

Wasserrallye und Hase-Ausstellung

Spielerisch sich dem Thema Wasser nähern und profundes Wissen mit nach Hause nehmen – das ist das Anliegen einer Wasserrallye für Schulen, erstmals durchgeführt im Mai 1999 an der Grundschule Widukindland und in bewährter Kooperation mit der Pädagogischen Umweltberatung. Solche pädagogischen Aktivitäten stehen im NUSO-Zukunftsprogramm. Dennoch wird der »alte« Ansatz nicht vergessen, und der beinhal-tet neben der kontinuierlichen Arbeit am stadtökologischen Zeitungsarchiv auch Öf-fentlichkeitsarbeit. Das große öffentliche Interesse an der Hase brachte die NUSO-Ausstellung zurück in das Museum am Schölerberg, dort wo sie vor einigen Jahren schon lange Zeit zu sehen war – nun aber aktualisiert und in völlig neuem Gewande.

Nicht zuletzt erarbeiteten Dorota Kuczia und Sigrid Bartelheim – um die »HaseBil-dung« in die Breite zu tragen – eine didaktische Broschüre für Schulen mit einer Fülle von direkt einsetzbaren Arbeitsmaterialien und Exkursionsvorschlägen: »Die Hase neu entdecken«. Und viele spannende Themen aus der Osnabrücker Natur und Umwelt warten da-rauf, auf diese oder auch auf eine andere Weise an die Osnabrücker Schulen, an die Öffentlichkeit oder an jeden zu gelangen, dem eine ökologisch intakte städtische Um-welt ein Anliegen ist!


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