Baikal.News 24.10.2014 - Fortsetzung

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Ein traumhafter Ausblick auf den vor rund 25 Millionen Jahren entstandenen Baikalsee. Foto: Alexa Christ


Sibirische Straßen sind mehr Schlagloch als Straße. In den beiden robusten Vans, die Dima und sein Kollege Igor in halsbrecherischem Tempo lenken, hebt man regelmäßig ab. Die Landung versetzt einen Schlag, der alle inneren Organe neu sortiert. Kein Wunder, dass Igor mitten während der Fahrt über die sibirische Rumpelpiste das Fenster runterkurbelt und eine Münze rauswirft. Das soll die Geister freundlich stimmen und uns eine gute Reise gewährleisten. „Igor hatte dieses Jahr schon so viele kaputte Reifen, da wird er zum Schamanist“, erklärt Dima fröhlich. Schamanist? Eine der vielen kreativen Wortschöpfungen, mit denen uns Dima in den nächsten zwei Wochen erfreuen wird. Er meint einen Anhänger des Schamanismus, von denen es in Sibirien tatsächlich noch jede Menge zu geben scheint. Aber davon später mehr.

Schließlich geht es hier in erster Linie ums Wandern. Die unendliche Weite der sibirischen Natur wollen wir erleben, in den ältesten und mit 1 637 Metern tiefsten See der Erde eintauchen, unsere Lungen ganz mit reiner, unverfälschter Luft füllen. Und es kommt noch besser: Die Luft duftet nach wildem Thymian, nach Wermut und nach frischem Nadelholz. Unzählige Edelweißblüten übersäen die – gefühlt – 100 verschiedenen Grüntöne der exotischen Tageransteppe mit ihren sanften Hügeln.

Als wir am ersten Tag den Berg Schebete hinaufwandern, ziehen Adler, Milane und Falken ihre lautlose Bahn hoch oben am glasklaren Horizont. Heuschrecken tun verärgert ihren Unmut darüber kund, dass wir sie bei ihrer Mittagsruhe stören. Doch all das wird nebensächlich, als wir den Gipfel erreichen, und er sich zum ersten Mal entfaltet – der Blick über den Baikalsee, das heilige Meer Sibiriens. Bei 650 Kilometern Länge und bis zu 80 Kilometern Breite fällt es schwer, Anfang und Ende auszumachen. Eingefasst vom Primorskigebirge und dem mächtigen, grün schimmernden Anga-Fluss wirkt die Landschaft wie aus einer Fantasy-Geschichte entnommen. Und tatsächlich wird es kurz darauf mythisch.

Nach dem Abstieg vom Schebete laufen wir durch das Tal der Steingeister. Große, bizarr geformte Felsbrocken zieren hier die Steppe, so als hätten die Götter Ball gespielt und danach vergessen aufzuräumen. „In diesem Tal kamen vor langer Zeit zwei Schamanen zusammen und gerieten in Streit“, erzählt Dima. Beide brüsteten sich mit ihren Fähigkeiten, etwa dass sie die Gestalt von Vögeln, Fischen oder Bären annehmen könnten und mächtige Geister als Diener besäßen. Irgendwann jedoch wurde dem Himmel, dem Hauptgott der Schamanen, deren Angeberei zu bunt. Er beendete den Wettstreit mit den Worten: „Versteinern werde ich euch und eure Geister, bis auf Erden weder Neid, Geiz noch Übel herrschen.“ Natürlich führen sie noch immer ein Dasein als Felskolosse, die uns heute schöne Klettermöglichkeiten bieten sowie weitere traumhafte Ausblicke über den vor über 25 Millionen Jahren entstandenen und heute zum Unesco-Weltnaturerbe gehörenden Baikal. Insel des Baikals, treffen wir den 51-jährigen Sergey, der sich nie vorstellen könnte, seine Heimat zu verlassen. Dabei ist das Leben auf Olchon mit einiger Mühsal verbunden. Erst seit 2005 gibt es eine Stromleitung vom Festland herüber. Vorher lief alles über Dieselgeneratoren. „Natürlich verschärfen sich bestimmte Dinge durch die Insellage. Wenn ich ein Ersatzteil für meinen Jeep brauche, muss ich nicht nur aufs Festland, sondern gleich bis nach Irkutsk. Im Winter gibt es aber zwei Monate, in denen schon keine Fährverbindung mehr besteht, das Eis aber noch nicht dick genug ist, um über den See zu fahren“, berichtet Sergey mit Blick auf seinen alten UAZ-452.

Mit dem schlammfarbenen Kleinbus der ehemaligen sowjetischen Militärpolizei erkämpfen wir uns den Weg in den Pribaikalsky Nationalpark. Metertiefe Rinnen, tückische Sanddünen und steile Abhänge machen die Fahrt, bei der der Wagen immer wieder deutlich Schlagseite einnimmt, zur reinsten Abenteuertour. Die Wanderung in diesem nordöstlichen Teil der Insel führt uns von Kap zu Kap – imposante Felsnadeln, die wie Speerspitzen aus dem Wasser ragen. Das „Kap der Liebe“ etwa erinnert mit ein wenig Fantasie an eine mit gespreizten Schenkeln daliegende Frau. Die Burjaten – asiatische Ureinwohner der sibirischen Steppe – erzählen, dass es früher bei Kinderlosigkeit üblich gewesen sei, die Frau mit einem Freund des Mannes für eine Nacht an das Kap der Liebe zu schicken. Wurde die Frau nach dieser Nacht immer noch nicht schwanger, durfte ihr Mann sie verstoßen.

Mit bunten Bändern geschmückte Holzpfähle, die „Serge“, sind schamanistische Kultstätten. Foto: Alexa Christ


Spuren der indigenen Völker Sibiriens – neben den Burjaten gibt es beispielsweise die Ewenken und Ewenen – finden wir bei unseren Wanderungen auf Schritt und Tritt. Immer wieder zieren schmale, mit bunten Bändern geschmückte Holzpfähle die Landschaft. An diesen sogenannten „Serge“ banden die Burjaten ihre Pferde fest. Sie waren und sind aber auch schamanistische Kultstätten, an denen Opfer wie Gewürze, Essen, Wodka, Münzen oder Zigaretten dargebracht werden. Oft sind diese Serge die einzigen Zeichen der Zivilisation inmitten atemberaubender Natur.

Eine besonders eindrucksvolle Tour durch die Wildnis führt uns zunächst einen schmalen Pfad direkt am Baikal entlang. Loses Geröll macht den Trail stellenweise zu einer wahren Rutschpartie. An einer besonders engen und steilen Passage – der Teufelsbrücke – zeigt sich schnell, wer schwindelfrei ist und wer nicht. Als wir hier den Blick senkrecht in die Tiefe richten, entdecken wir am Steinufer des Sees eine Robbe, die sich wohlig in der Sonne rekelt. Baikalrobben sind die einzigen ihrer Art, die ausschließlich in Süßwasser leben.

Nur das sanfte Plätschern des Sees durchbricht in diesem Moment die Stille. Am nächsten Tag verwandelt sich das Plätschern in ein wahres Wellenrauschen. Jetzt wirkt der Baikal tatsächlich wie ein Meer. Aber der Weg biegt irgendwann ab, führt in hellen Taigawald, der von immergrünen Lärchen bestimmt wird. Hin und wieder zeigen sich auch schlanke Birken, die der Russe ganz besonders liebt.

Dima erzählt: „Meine Frau und ich haben unsere Flitterwochen in Thailand verbracht, was sehr schön war, aber nach einer Woche haben mir die Birken gefehlt!“ Wehmut schwingt in seinen Worten.

Sie befällt auch uns, als wir am letzten Abend einen Abschiedsblick auf den See werfen und die Reise Revue passieren lassen. Was waren die Highlights? „Die Weite der Steppe hat mich beeindruckt“, fällt als Erstes. „Die Farbe des Baikals“, wirft eine andere Teilnehmerin ein. „Ich war fasziniert, wie viel hier blüht. Das hätte ich nicht erwartet“, sagt eine Dritte. „Der Duft nach Fichten!“, findet ein anderer. „Der Sprung ins Wasser. An dieser einen Stelle hatte der See höchstens zehn Grad“, ergänzt einer, der ganz besonders mutig war.

Ach ja, der Baikal, dieser Sehnsuchtsort. Wir verstehen jetzt, welch tiefe Wirkung er auf die Menschen ausübt. In einer Legende heißt es: „Der Baikal kann zornig werden, dann reißt er den Schamanenstein fort, und das Wasser wird hervorbrechen und die ganze Erde überfluten. Aber das liegt lange zurück, jetzt sind die Menschen kühn und fürchten den Baikal nicht mehr.“ Auch wir haben ihn in der kurzen Zeit lieben gelernt.

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