Baikal.News 30.8. 2014 - Fortsetzung

Abfahrt zum Baikal

Zurück zu Baikal-News

Moskau. Langsam, fast unmerklich und ohne einen Pfiff setzt sich der Zug in Bewegung. Wer jetzt nicht im Abteil sitzt, hat Pech - die Transsibirische Eisenbahn rollt ohne ihn weiter. Das wäre nicht das erste Mal, wie mir Swetlana mit einem breiten Grinsen weißmachen will. Echt? Wahrscheinlich aber möchte sie mich nur erziehen. Denn jedes Mal, wenn ich bei einem größeren Halt des Zuges einen Ausflug in die prachtvollen Bahnhöfe unternehme, verdreht Zugschaffnerin Swetlana ihre Augen. Hoffentlich ist dieser Deutsche pünktlich zur Abfahrt wieder im Waggon.

Zwei Welten prallen aufeinander

Im Großwaggon reisen 50 Menschen. (BILD: Bernd Martin)

Die Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn ist ein Abenteuer, das schwer zu beschreiben ist. Zwei Welten prallen hier aufeinander: Die Präzision eines Schweizer Uhrwerks - was Pünktlichkeit und Tagesablauf betrifft - und die pragmatische Ingenieurskunst russischer Schwerindustrie - für Ausstattung und Komfort. Ich habe mir dieses Abenteuer gegönnt und bin auf meiner Reise zum Baikalsee vier Tage und vier Nächte von Moskau nach Irkutsk gefahren.

Ausgangspunkt ist der Jaroslavskij Woksal in Moskau. Von hier fährt die Transsibirische Eisenbahn Richtung Osten ab. Ein großer Obelisk markiert den Ausgangspunkt dieser gigantischen Strecke bis zu deren Endpunkt in Wladiwostok - 9.298 Kilometer. Ich muss bei Kilometer 5.139 aussteigen. Eine unvorstellbare Distanz.

Alexej verkauft Getränke im Zug. (BILD: Bernd Martin)

Ordnung muss sein

Auf meinem Bahnsteig erwartet mich geschäftiges Treiben. Links und rechts thronen die Züge der Transsib. Schnell finde ich meinen Waggon Nummer 4. Mein Rollkoffer holpert über den löchrigen Bahnsteig. Typisch russisch, denke ich, als ich in einem allzugroßen Loch steckenbleibe. Ich werde von zwei freundlichen Damen empfangen. Sie stellen sich als meine Schaffnerinnen vor - Swetlana und Jule. Beide wollen Ticket und Pass sehen. Mit einem Bleistift kritzelt Jule einen Haken auf meinen elektronisch erstellten Ausdruck - und ich darf einsteigen. Da hätte ich mir mein Ticket auch von irgendwo her kopieren können, dachte ich mir angesichts dieser doch recht simplen Kontrolle. Beim Einsteigen muss ich aufpassen. Zwischen Bahnsteig und Waggon klafft ein 70 Zentimeter breiter Spalt. Wer hier einen schweren Koffer reinbugsieren muss, hat ein Problem. Jule ist aber schnell helfend zur Stelle. Ich bin positiv überrascht.

Im Waggon selbst empfängt mich schummriges Licht. Und Igor. Er hat das erstbeste Abteil okkupiert und sich auf eine der vier Liegen zum Schlafen gelegt. Allerdings hat Igor die Rechnung ohne Swetlana gemacht. Mit einschneidender Stimme rüttelt die zierliche Schaffnerin den stämmigen Mann wach und schubst ihn in ein anderes Séparée. Ordnung muss sein.

Wodka mit dem Abteilnachbarn

Ich zwänge mich in mein Abteil. Hier wird für die kommenden vier Tage und Nächte mein Zuhause sein. Unvorstellbar. Swetlana und Jule teilen noch Bettwäsche aus und ehe ich mich besinne, rollt der Zug los. Mein Abenteuer beginnt.

Umständlich beziehe ich mein Bett, nicht ohne mich dabei mindestens acht Mal am Kopf zu stoßen. Aber das liegt wohl eher an meinen ungelenken Handgriffen.

Mittlerweile rattert die Transsib seit fünf Stunden Richtung Osten. Ich beschließe, im zugeigenen Restaurant etwas zu essen. Auf dem Weg dorthin passiere ich mehrere Waggons, die unterschiedlich duften. Es poltert und holpert, für die schweren, gusseisernen Verbindungstüren braucht man Kraft. Der Speisewagen empfängt mich mit typisch russischem Flair. Sitze, Gardinen, Tischdecken und Teppiche passen farblich absolut nicht zueinander, harmonieren aber trotz ihrer grellbunten Anmutung miteinander. Der bestellte Bortsch und das russische Bier sind lauwarm. Egal. Ich habe Hunger. Am Nachbartisch leeren zwei Russen gerade eine Flasche Wodka.

Zurück im Abteil empfängt mich Igor. Als er merkt, dass ich Deutscher bin, öffnet er eine Flasche Wodka. Ablehnen ist nicht, wir stoßen an. Seine sto Gramm leert Igor auf Ex. Respekt! Am nächsten Morgen geht es mir schlecht.

Händlertreiben am Bahnsteig

Ich habe wenig Zeit zum Ausschlafen. Pünktlich um 10 Uhr beginnt Jule ihren täglichen Putzeinsatz. Ihr Staubsauger röhrt durch den Gang und die Abteile. Hinterher sehe ich zwar noch immer die gleichen Brotkrümel auf den Teppichen liegen, aber Jules charmantes Lächeln macht alles wett. Überhaupt sind unsere Schaffnerinnen immer sofort zur Stelle, wenn wir einen Wunsch haben. Service wird in der Transsib großgeschrieben, zumindest in unserem Waggon.

Die Fahrt wird eintönig. Birken über Birken huschen vorbei. In größeren Städten macht der Zug einen längeren Halt. Prunkvolle Bahnhöfe empfangen uns - einer schöner als der andere. Nowosibirsk schneidet für mich am besten ab. Überall Mamor und riesige Lüster. Überraschungen gibt es auf den Bahnsteigen. Dort begrüßen uns Mütterchen mit großen Taschen, aus denen sie allerlei Leckereien anbieten: warme Kartoffeln, Gemüse, Obst, ja sogar Räucherfisch. Ganz Mutige verkaufen Bier und Wodka - heimlich, denn überall wacht die Miliz. Für rund drei Euro decke ich mich mit Leckereien ein. Waschen? Fehlanzeige!

Platz ist in der kleinsten Hütte. (BILD: Bernd Martin)


Die Fahrt mit der Transsib fordert viele Entbehrungen. Waschen ist nicht, dazu tröpfelt aus dem Hahn zu wenig Wasser. Der bordeigene Samowar liefert heißes Wasser für Tee oder Instantsuppen. Irgendwann verliert man das Gefühl für die Zeit. Also schläft man, wenn man müde ist, und trinkt, wenn man eingeladen wird. Das monotone Rumpeln des Zuges nehme ich bald nicht mehr wahr.

Am letzten Abend warten Swetlana und Jule dann doch noch mit einer Überraschung für mich auf. Für zehn Euro würden sie mir einen großen Eimer mit lauwarmem Wasser samt Suppenkelle bereitstellen - dann könne ich mich in der Toilette ordentlich waschen und rumspritzen, wie es mir Spaß mache. Echt jetzt? Ich Trottel stehe am nächsten Morgen extra zeitig auf - doch Swetlana lacht nur schelmisch. Dieser Deutsche ist aber auch wirklich leicht zu veräppeln. Stattdessen gibt sie mir zu verstehen, dass wir in einer halben Stunde Irkutsk erreichen. Doswidanja Transsib. Es war schön mit Dir - typisch russisch und wie in einer großen Familie. Ich steige aus und in meinen Bus ein, der mich jetzt zum Baikalsee bringt. (mz)

Der Blog zur Reise unter: www.mz-web.de/transsib


Seite zuletzt geändert am 29.10.2014 12:24 Uhr · Seitenaufrufe: 992