Buddhistisches Kloster Iwolginsk

"Die Klöster Iwolginsk (Iwolginski dazan) und Aginsk (im Gebiet Tschita) waren lange Zeit die einzigen funktionierenden buddhistischen Klöster auf dem Gebiet der Sowjetunion. Iwolginsk (oder Iwolga) ist bis heute das größte, außerdem ist es ein Zentrum für buddhistische Philosophie und tibetische Medizin in der Russischen Föderation. Die weitläufige Anlage liegt unweit des Ortes Iwolginsk, 35 km südwestlich von Ulan-Ude, in flacher Steppenlandschaft vor der Kulisse des Chamar-Daban-Gebirges und wird gern im Rahmen von Tagesausflügen besucht. Es ist einzigartig im Baikalgebiet, allerdings muss man sich bewusst sein, dass es im Vergleich zu Tempeln in traditionell buddhistischen Ländern verhältnismäßig bescheidene Ausmaße hat.

Die Erlaubnis zur Eröffnung des Klosters wurde 1945 einer Gruppe von Lamas gegeben, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus Lagern und Gefängnissen entlassen worden waren. Das anfangs kleine Kloster wuchs schnell und bekam zwei große Tempel, von denen der eine nach einem Brand 1972 erneuert wurde. Der statt¬liche, farbenprächtige Haupttempel ist der blauen, dreiäugigen Göttin Lchamo geweiht. Iwolginsk entfaltete als zentrale Vertretung der Buddhisten in der UdSSR ein breites Spektrum von Aktivitäten, die jedoch damals aufmerksam von staatlichen Behörden überwacht wurden. U.a. engagierte sich das Kloster in der Friedensbewegung und unterstützte internationale Organisationen wie das Rote Kreuz oder Kinderschutzverbände.

Seit 1991 gibt es am Kloster eine buddhistische Universität, die seit 2005 offiziell als Hochschule anerkannt ist und an der Lehrer aus Indien, Tibet und der Mongolei traditionelle Disziplinen wie Philosophie, Astrologie und Medizin, aber auch Fächer wie Informatik und Fremdsprachen lehren. Ca. 100 Studenten aus ganz Russland studieren hier die Lehre Buddhas.

Ein anderes wichtiges Tätigkeitsfeld des Klosters ist die tibetische Medizin. Mithilfe von Pulsdiagnostik und speziellen Heilmitteln, teils aus eigener Produktion, teils aus Indien, Tibet und China, werden hier und im Zentrum für Tibetische Medizin in Ulan-Ude nach alten Methoden Patienten be¬handelt, die nicht nur aus der näheren Umgebung anreisen.

Schließlich ist das Kloster auch Wallfahrtsort. Seit 2002 befindet sich der Körper des Lamas Daschi-Dorscho Etigelow, der bis 1917 die Position des Pandido-Chambo-Lamas innehatte, im Kloster von Iwolga. Nach seinem Tod 1927 war der berühmte Gelehrte beerdigt worden und zeigt seitdem praktisch keine Spuren von Verwesung. Zu seinen Ehren wird ein neuer Tempel gebaut, in dem er von Gläubigen angebetet werden darf. [s. zusätzliche Info von der Burjatien-Reise]

Auf dem Gelände des Klosters, das heute (in Nachfolge des Tamtschin-Klosters) die Residenz des Chambo-Lamas ist, stehen zwei große Tempel, drei Gebetshäuser, eine Bibliothek, ein kleines Museum, ein Häuschen für den heiligen Botcha-Baum, eine Herberge für Gäste und viele Wohnhäuser. All das ist umgeben von einer Vielzahl von Gebetsmühlen, Opferkästchen und leuchtend weißen Stupas. Angemeldete Reisegruppen besichtigen meist die Bibliothek mit alten Schriften und die Sammlung burjatischer buddhistischer Kunst und kost¬barer Geschenke aus Indien, Japan, China und anderen Ländern, die im Museum ausgestellt werden. Wenn man spontan kommt, sind sie nicht immer zugänglich. Unübersehbar sind dafür die unzähligen Stände mit Figürchen, Räucherstäbchen und anderen Andenken, die sich um den Eingang des Klosters drängen. Mehr Informationen zum Kloster unter (auf Englisch und Russisch). Für kleine Mahlzeiten gibt es vor dem Kloster einen Imbiss mit burjatischen Speisen (posnaja)." (aus Mall/Just, S. 400-401)


Unerklärliche Nichtverwesung

Beim Besuch des Klosters am 15.9.2006 wurde uns von einem Lama folgendes erzählt, was man auch an anderen Quellen finden kann (s. obiger Text):

Wissenschaftler, die den im Jahre 1927 verstorbenen 12. Pandito Hambo-Lama, Dorzho Itigilow, untersuchten, stellten fest, dass die Struktur des Eiweißes der eines Lebenden gleich ist. Das Phänomen ist nicht zu erklären. Der Mönch soll, im Zustand der Meditation versunken, verstorben sein, und war auch bei der von ihm gewünschten Öffnung seines Grabes nach 30 Jahren unversehrt. Er war nicht mumifiziert oder chemisch konserviert worden. Wissenschaftler und Gerichtsmediziner haben keine Erklärung für den Erhaltungszustand des Körpers. Ein Nachfolger des Mönches, Hambo-Lama Ajuschejew, erklärt sich die Vorgänge durch den Eintritt in das Stadium der Shunyata, der Leere. Dieser Zustand wird dem buddhistischen Glauben nach durch Meditation erreicht Quelle

Bei B. Thöns ist dazu zu lesen:

"Im Herbst 2002 machte das Kloster weltweit Schlagzeilen. Der 12. Hambo-Lama Dorzo Itigilov lebte von 1852 bis 1927. Er spürte damals sein bevorstehendes Ende und wollte nach seinem Tod während einer Meditation in der Lotus-Pose auch so begraben werden und hatte seine Jünger aufgefordert, in 30 Jahren wieder nach ihm zu sehen. Sie folgten seiner Anweisung und fanden 1957 den Leichnam voll konserviert im Lotussitz vor. Obwohl sich politisch Tauwetter andeutete, hatten die Buddhisten wenig Vertrauen in den Wunderglauben der Obrigkeit und betteten den Leichnam heimlich in einen mit Salz gefüllten neuen Sarg um. Am 75. Todestag öffnete man den Sarg erneut, und Itigilovs Körper zeigte keine Spuren der Verwesung. Bislang ist der Leichnam nur für ausgewählte Delegationen zu besichtigen, aber der Hambo-Lama soll angeblich die Möglichkeit prüfen, dieses Wunder der Öffentlichkeit zugänglich zu machen." Thöns, S. 250

Tibetische Medizin

"Die philosophische Grundlage der tibetischen Medizin ist der Buddhismus. Der Mensch hebt sich aus seiner natürlichen Umwelt hervor und in seiner Wahrnehmung ent¬stehen Begriffe wie >ich< und >mein<, die über die drei zentralen Geistes¬gifte Haß, Ignoranz und Gier die Harmonie zwischen Mensch und Natur gefährden. Aus diesen drei Geistesgiften resultieren zugleich die drei Körperprinzipien: Galle (Tipa) steht für Körperwärme, Schleim (Bedgen) bedeutet Flüssigkeit und Wind (Lung) symbolisiert Bewegung. Der menschliche Körper und diese drei Prinzipien werden von den fünf Elementarenergien (Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum) gebildet. Diese sind für die Vitalität des Geistes und des Körpers verantwortlich. Geist und Körper des Menschen bilden eine Einheit. In einem gesunden Körper sind die Körperprinzipien im Gleichgewicht. Störungen des Gleichgewichtes auf der geistigen Ebene erscheinen auf der körperlichen Ebene als Krankheit. Die Methoden und Instrumentarien, die drei Körperprinzipien im harmonischen Gleichgewicht halten zu können, bilden die Grundlage der tibetischen Medizin.

Das wichtigste Ziel in einer Behandlung nach den Prinzipien der tibetischen Medizin ist die Wiederherstellung des Gleichgewichtes und der Harmonie der Körperprinzipien. So werden zuerst immer Fragen nach den Eß- und Lebensgewohnheiten des Patienten gestellt. Die Ergebnisse ermöglichen eine Typologisierung des Patienten hinsichtlich der drei Körperenergien, damit Veranlagungen und Neigungen des Patienten in die Diagnose miteinbezogen werden können. Die Empfehlungen für Veränderungen im Verhalten und in der Ernährung sind somit ein wichtiger Bestandteil der Therapie. Danach beginnt eine für den Laien außerordentlich spannende spezifische Diagnose über den allgemeinen energetischen Zustand des Patienten und die Verfassung einzelner Organe durch das mehrminütige Erfühlen des Pulses in den Fingerspitzen. Diese Methode gilt als das wichtigste Diagnoseinstrument und setzt eine jahrelange Erfahrung voraus, um die zahlreichen Pulse unterscheiden zu können. Der Heiler oder Arzt ertastet dabei eine Anzahl von unterschiedlichen Pulsen, welche durch den >Wind<, der mit dem Blut im Blutkreislauf zirkuliert, unterschiedlichste Gestalten annehmen können. An diesen verschiedenen Pulsarten kann er feststellen, welche der drei Körperprinzipien im Ungleichgewicht ist und welches Organ von der Krankheit betroffen ist. Bei Bedarf wird die Pulsdiagnose noch durch eine Zungendiagnose und eine Urinanalyse ergänzt.

Tibetische Medizin ist in Burjatien weitverbreitet. Vor allem auf dem Lande verstehen sich viele auf die Grundlagen dieses Heilsystems. Aber auch in den Städten und in der offiziellen Medizin finden die Heilmethoden Anerkennung und Anwendung. So gibt es im Stadtzentrum und am Stadtrand von Ulan-Ude zwei spezielle Kliniken für die ambulante und kurähnliche stationäre Behandlung. Im Ansatz und in den Heilmethoden beruft man sich auf die fernöstliche Medizin und schlägt den Bogen weiter, auch über die rein tibetischen Ansätze hinaus, so daß auch Heilmethoden aus China und der Mongolei zur Anwendung gelangen. Das Wissen um die tibetische Medizin kam mit dem Buddhismus nach Burjatien. Die tibetische Medizin reicht in ihren Ursprüngen bis in das 7. Jahrhundert zurück und wurde im 11. Jahrhundert in dem Erläuterungen zu über 8000 Krankheitsbildern und über 2000 Heilmittelzutaten enthaltenden Traktat Gyüshi erstmalig für die Nachfahren nieder¬geschrieben. 600 Jahre später.ergänzte Sengye Gyamtso (1653¬1705) dieses fundamentale Werk mit seinen unter dem Titel >Blauer Beryll< bekannten Kommentaren und ließ die Zusammenhänge in 77 Gemälden (Thangkas) illustrieren. Dieses Buch bildet bis heute das Grundlagenwerk der tibetischen Medizin. Es soll außer in Burjatien noch in zwei Exemplaren in China und Tibet vorhanden sein. Als 1869 in Burjatien der erste, >Mamba< genannte Medizin-Dazan eröffnet wurde, kam ein Exemplar in diesen Tempel. Die Schule der tibetischen Medizin bestand bis 1936, danach kam das Traktat in das Archiv des Heimatkundemuseums. In den achtziger Jahren begannen wie¬der wissenschaftliche Forschungen zu diesem Thema, und als 1986 der chinesische Abzug veröffentlicht wurde, stellte sich heraus, daß das in Ulan-Ude befindliche Exemplar umfassender und besser erhalten war. Die auf der Basis dieser Ausgabe 1994 in Rußland erschienene Ausgabe des >Atlas der tibetischen Medizin< bildete auch die Grundlage für die deutschsprachige Ausgabe, die 1996 unter dem Titel Klassische Tibetische Medizin in Bern erschien." Thöns, S. 251-252

Pulsdiagnose

Beispiel eines Ausdruck eines Teils der elektronisch erfassten Ergebnisse am 23.9.2006 in Abteilung für Tibetische Medizin der Universität Ulan-Ude'

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